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Die Krippe in der Zirmstiftung Schusterhof

Dorothea Steinbacher

In der Weihnachtszeit geht man in Bayern traditionell zum Kripperlschaugn. Früher besaßen Kirchen und Klöster die schönsten Krippen, heute sind viele auch in Schaufenstern von Geschäften und in Museen aufgestellt. Eine wunderschöne Krippe, riesengroß, mit über 150 Figuren, funkelndem Sternenhimmel und raffinierter Lichttechnik ist in Bergen, in der Zirmstiftung Schusterhof, zu sehen.

Ein Bauernhof mit vielen Schätzen

Hoch über dem Ort Bergen, auf dem Schellenberg, mit dem Hochfelln (fast) auf Augenhöhe, empfängt mich die Hausherrin Angelika Mayer. Durch die vielen Ausstellungsräume, vorbei an Trachten und Möbeln und tausend anderen Objekten, geht es im riesigen Bauernhof treppauf treppab – hier könnte man noch ein paar Tage verbringen, wollte man alles anschauen! Aber heute ist die Krippenausstellung mein Ziel.

Die große Krippe

Die große Krippe

Einen langen Gang säumen links und rechts eine Krippe nach der anderen, „das sind die Brunner-Krippen, die schauen wir uns hinterher an!“ Ich folge Frau Mayer brav in eine separate Abteilung – und stehe dort staunend wie ein kleines Kind: Eine riesengroße Krippenlandschaft ist hier aufgebaut, unglaublich viele Figuren (152, weiß Frau Mayer), arrangiert zu kleinen Szenen, die ein großes Ganzes ergeben, und alles überwölbt von einem Sternenhimmel mit unzähligen Leuchtpünktchen (800, erzählt Frau Mayer). Es handelt sich um die Ettaler Schneekrippe, siebeneinhalb Meter lang und eineinhalb Meter tief, die Figuren bis zu 18 Zentimeter groß.

Gäste aus dem Orient

Gäste aus dem Orient

Die Krippe ist erst in den letzten Jahrzehnten entstanden. Christian Wagner (1934-2008) aus Oberammergau hat sie gefertigt, einer der besten zeitgenössischen Krippenschnitzer. 1986 hat Wagner mit den ersten Figuren begonnen, im Auftrag des Münchner Krippensammlers Dr. Franz Eggemann. Jahr für Jahr kamen weitere Figuren dazu. Neben den Hauptakteuren Maria, Jesuskind, Joseph, Ochs und Esel im Stall gibt es natürlich Engel und Hirten, die heiligen drei Könige und eine Herde Schafe. Aber dann! Dann schnitzte Wagner Figuren, die man so normalerweise nicht in einer Krippe sieht: Indianer und Mexikaner, Schotten und Ungarn, viele viele Bayern mit Trachten aus allen Regionen, bayerische Sonderfiguren wie den Berchtesgadener Kraxentrager, den Bergmann mit der Karbidlampe, der dem Hochzeitslader leuchtet, die Goaßn-Kathi mit einer widerspenstigen Ziege und den Müller mit Esel und Mehlsack über den Schultern. Dazu die indische Prinzessin auf dem Elefanten samt Elefantenboy und ein Eskimo, der einen riesigen Fisch gefangen hat, der, wie Frau Mayer weiß, ein echter präparierter Fisch ist und und und.

Das Sternenbild an Weihnachten

„Alle Menschen aller Hautfarben, aller Rassen und aller Nationen und Religionen sollen hier in Frieden zusammenleben“, erklärt Frau Mayer, „Gottes Geburt führt alle Menschen zusammen – das ist die große Idee, die diese Krippe im Bild darstellen will.“ Ich bin ganz gerührt, denn das ist dieser Krippe gelungen: Alle ziehen sie zum Stall hin, in dem das Jesuskind liegt. Und der Sternenhimmel mit den vielen hundert Sternen, der gibt das originale Sternenbild über Oberbayern wieder am 24. Dezember jeden Jahres! Die Berglandschaft im Hintergrund, das sind die Hauptgipfel des Wettersteinmassivs: Zugspitze, Alpspitze und Waxenstein, wie man sie von Ettal aus eben sieht.

Das Besondere sind aber nicht nur die Größe, die reichen Details und die bewegende Idee hinter der Krippe – diese Krippe besitzt, ganz versteckt, eine computergesteuerte Beleuchtung. Wer sich jetzt denkt, ja so ein Schmarrn, den kann ich beruhigen: Die Vorführung, die etwa zehn Minuten dauert, ist ganz wunderbar durchdacht und umgesetzt. Dafür wird die helle „Tageslicht“-Beleuchtung ausgeschaltet. Es ist Nacht und es glitzert nur der Sternenhimmel. Dann gehen – ganz langsam, eine nach der anderen – 35 unterschiedliche Lämpchen an: zuerst in der Krippe, dann in der Hand des einen, dann des anderen Hirten, und so weiter. Ein Theater wie eine Märchenbühne – man sollte das gesehen haben, ein echtes Weihnachtsmärchen!

Wenn die Nacht-Vorführung vorbei ist und es wieder Tag wird, kann der Betrachter auch selbst aktiv werden: Über viele vor der Vitrine eingelassene Knöpfe lassen sich Punktstrahler auf ausgewählte Figuren richten, man kann sich nach Belieben die indische Prinzessin oder den Bauern in Egerländer Tracht beleuchten lassen. Die Erwachsenen lernen dazu, und die Kinder freuen sich einfach.

Hinterlassenschaft eines Heimatverbundenen

Genau so hat sich Andreas Mayer, der großzügige Stifter, das wohl vorgestellt. Er erlebte die Eröffnung seines Lebenstraumes nicht mehr: Andreas Mayer war 1935 im Schusterhof geboren und im Chiemgau aufgewachsen in engem Kontakt mit Trachtlern und Volksmusikern. Auch später, als erfolgreicher Unternehmer in München, vergaß er seine Wurzeln nie. Er fühlte sich Zeit seines Lebens den alten Traditionen verpflichtet und entwickelte die Idee einer Stiftung, die in seinem Elternhaus in Bergen beheimatet sein sollte. Durch seinen plötzlichen Tod im Jahr 2006 drohte das Vorhaben zu scheitern. Doch seine Familie setzte die Idee des Vaters um: Der baufällige Hof – er ließ sich beim besten Willen nicht retten – wurde abgetragen und originalgetreu wieder aufgebaut. Dabei wurden alte Balken und Schindel wieder eingebaut, die großartige Tenne ist fast vollständig aus den alten Balken wieder zusammengesetzt worden. Sie bietet heute einen perfekten Rahmen für Veranstaltungen (und kann von jedem gemietet werden!).

Angelika Mayer

Angelika Mayer

„Schustergütl hieß der Hof früher“, erzählt Angelika Mayer, „1435 war er einer von drei Bauernhöfen auf dem Schellenberg. Schuster sind dort seit dem 16. und 17. Jahrhundert nachgewiesen. Der Hofname ist geblieben bis heute. Dabei galt der letzte Bauer als einer, bei dem neben der Landwirtschaft Obst- und Gartenbau und Imkerei im Vordergrund standen. Sein Vorgänger brachte den Namen Mayer auf das Haus und war recht vielseitig: Maurermeister, Imker und Bauer.“

Auch diese Vergangenheit wurde bewahrt: Um den Hof herum säumt ein Steingarten mit über hundert verschiedenen heimischen Pflanzen und Kräutern den 4000 qm großen Obstgarten, in dem sechzig unterschiedliche alte Obstbaumsorten wachsen – Gelegenheit für die Besucher, die oberbayerische Flora aus nächster Nähe zu kennenzulernen. Auch die Fauna kommt nicht zu kurz: Die alten Bienenhäuser werden wieder von Bienen bevölkert und sind nicht nur für die Besucherkinder eine Attraktion.

Der Name „Zirmstiftung“ erinnert an den Lieblingsbaum des alten Andreas Mayer, die Zirbe, auf bairisch „Zirm“ – ein symbolträchtiger Baum, wächst er doch in extremen Gebirgslagen und trotzt Unwettern und Stürmen, weil er so tief im Boden verwurzelt ist.

Schusterhof in Bergen

Schusterhof in Bergen

Heute sind im Schusterhof auf über 400 Quadratmetern Ausstellungsfläche historische Trachten, Gegenstände des Alltags und Handwerksgeräte aus früherer Zeit untergebracht, und neben der Krippenausstellung gibt es Wanderausstellungen.

Halt! Wir wollten ja noch die Brunner-Krippen anschauen! – über ein Dutzend weitere, ganz unterschiedliche Krippen von dem betagten Traunsteiner Krippenbauer Konrad Brunner, und zu jeder kann Frau Mayer eine Geschichte erzählen. Davon berichte ich ein andermal, versprochen!

 

 

Schusterhof in Bergen im Chiemgau
Tipp

Neben der Krippenausstellung finden Sie auch eine Trachtenausstellung, die sowohl historische als auch neue Trachten zeigt. Beide Ausstellungen im Schusterhof (Schellenberg 3, 83346 Bergen) sind rund ums Jahr von Mittwoch bis Sonntag täglich von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Informationen unter Tel. 08662-663450 oder 0171-171 7997 und www.schusterhof.org.


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