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Auf vier Hufen um den Chiemsee

Blick über den See auf die Berge bei Grabenstätt im Chiemgau
Judith Schmidhuber

Der Grundsatz der Wanderreiter lautet: Der Weg ist das Ziel. Was für ein Glück, dass der Chiemgau jede Menge toller Reitwege zu bieten hat. Wir schwingen uns in den Sattel und reiten an vier Tagen weiträumig um den Chiemsee.
Wanderreitern geht es darum, zu Pferde eine schöne Umgebung zu erkunden. Dazu gibt es keine bessere Gegend als den Chiemgau – und keine idealere Jahreszeit als den Herbst. Goldene Oktobersonne begleitet uns auf unserem Ritt um den Chiemsee. Den haben Simone und ich schon lange geplant. Endlich ist Zeit dafür! Unsere Pferde Elvis und Jamie sind nach etlichen Tagesritten in den letzten Monaten fit für so eine lange Strecke. Zu Pferde um den Chiemsee: Das geht freilich nicht direkt am Ufer. Wir wollen das Bayerische Meer stattdessen weiträumig umrunden. Die Vorgabe ist klar: Teerstraßen meiden und stattdessen kleine Pfade und Feldwege entdecken.

Wälder, Wiesen, Feldwege

Endspurt vor Truchtlaching im Chiemgau

Endspurt vor Truchtlaching

Dafür müssen wir uns dem See erst einmal nähern. Auf die erste Etappe starten wir an einem Nachmittag. 24 Kilometer sind es von unserem Stall bis Truchtlaching. Weil wir die Wege in der näheren Umgebung kennen, finden wir uns gut zurecht. Nur einmal bei Seeon sind wir uns nicht ganz sicher, treffen aber eine Spaziergängerin, die uns den richtigen Feldweg zeigt. Sie erzählt uns, dass sie auch Pferde besitzt – und wir ihr von unserem Vorhaben. „Um den Chiemsee? Mei, das würd‘ ich auch gern mal machen.“ Da freut’s uns gleich noch mehr, dass wir dieses Abenteuer angehen. Eine Pause machen wir erst kurz vor dem Ziel, am Appertinger Hof. Die Nambergers wohnen direkt über der Alz vor Höllthal. Wir reiten ein Stück am Fluss entlang, durch einen herrlich bunten Laubwald und der untergehenden Sonne entgegen. Wir beglückwünschen uns gegenseitig, so tolles Wetter für unseren Wanderritt erwischt zu haben.

Wandergaul: Urlaub für Pferd und Reiter am Chiemsee

Mit dem letzten Tageslicht treffen wir an unserer ersten Übernachtungsstation ein, beim Wandergaul in Truchtlaching. Georg Niedermaier zeigt uns unsere Hütte und bringt einen Schubkarren voll Heu, über das sich Elvis und Jamie gleich hermachen. Der Landwirt und Pferdefreund hat die Wanderreitstation vor fünf Jahren eröffnet und sich damit einen Traum erfüllt. Hier urlauben Reiter mitsamt ihren vierbeinigen Begleitern. Ein idealer Ausgangsort für Ausritte durch den Chiemgau. An jede der fünf Blockhütten schließt sich ein Offenstall an. Die Anlage ist wirklich was fürs Auge. Alleine schon wegen des riesigen Badeweihers, um den die Hütten angeordnet sind. Wären wir im Sommer geritten, könnten wir jetzt reinspringen. Dafür ist es im Oktober freilich zu kalt. Bei einer Runde Bier von der Truchtlachinger Brauerei Camba Bavaria lassen wir den Abend mit Georg und seiner Tochter Stefanie ausklingen und erzählen uns Geschichten von Rössern und Reitern.

Rennbahn, Poloplatz und eine spanische Reithalle

Am nächsten Morgen gibt uns Georg noch Tipps für die weitere Route und eine Karte. Beim Wirtshaus in Kraimoos wollen wir Mittagessen. Wir planen aber einen kleinen Umweg ein, denn auf Gut Ising wollen wir uns die Galopprennbahn und den Poloreitplatz ansehen. Ja gut, natürlich wollen wir auch einmal darüber reiten. Und in Fehling müssen wir unbedingt die schönste Reithalle weit und breit in Augenschein nehmen. Auf El Rocio herrscht spanisches Flair – und in dem Stil ist auch die Halle gestaltet. In Sondermoning passieren wir gleich danach das wohl schönste Blumen-Selberpflück-Feld und schon haben wir unsere Mittagsrast erreicht. Für uns gibt es Schnitzel mit Pommes, für die Pferde Gras und einen Eimer Wasser.

Im gestreckten Galopp der Abkühlung im Chiemsee entgegen

Erfischung am Chiemseeufer im Chiemgau

Erfischung am Chiemseeufer

Blind navigieren muss ein Reiter heutzutage nicht mehr. Mobiltelefone mit Google-Maps zeigen uns den Chiemgau von oben und so können wir relativ gut erkennen, wo die Feldwege hinführen. Im Waldstück zwischen Erlstätt und Grabenstätt finden wir so schmale Waldwege. Auf Moos und Tannennadeln traben wir fast lautlos dahin. Nur noch zwei Kilometer sind es bis zum Chiemseeufer. Die Pferde merken das wohl und geben auf dem letzten Stoppelfeld vor der nächsten Pause Vollgas. Dafür gibt’s gleich eine willkommene Abkühlung. Kaum haben wir ihnen die Sättel abgenommen, marschieren sie schon aufs Wasser zu: Trinken, planschen und baden. Elvis legt sich sofort ins flache Wasser, mehrmals sogar! Jamie stampft erst mal ausgiebig mit den Vorderhufen – was mich immer besonders freut, weil Wassertreten für Pferde ein wunderbares Muskeltraining ist. Nachdem auch er einmal auf Tauchstation gegangen ist, lassen wir die beiden Seepferdchen am Ufer in der Herbstsonne dösen – und wir tun es ihnen gleich.

Neben der Autobahn im Chiemgau

Neben der Autobahn

Das letzte Teilstück der heutigen Etappe beinhaltet noch eine Herausforderung für die Pferde: die Autobahn. Die lässt sich natürlich nicht einfach überqueren und auf die Straße wollen wir auch nicht ausweichen. Stattdessen gibt es direkt neben der Fahrbahn eine Fußgängerbrücke über die Tiroler Ache, über die wir sie führen können und gleich danach eine Autobahnunterführung. Verkehrssicher sind sie ja, aber der Straßenlärm ist für Pferde auch nicht alltäglich. Ob es daran liegt, dass sie schon relativ lange unterwegs sind? Wahrscheinlich eher, weil sie generell durch kaum etwas aus der Ruhe zu bringen sind. Jedenfalls trotten sie sowohl über die Brücke als auch unter der Autobahn durch, als ob sie nie etwas anderes getan hätten. Nur noch ein Waldstück trennt uns von unserem heutigen Ziel Übersee. 30 Kilometer sind es jetzt schon, unsere bisher längste Reitstrecke überhaupt! Am Donebauer-Hof werden wir schon von der ganzen Familie Gschossmann und Pony „Prinz“ erwartet.

Fitness für Pferd und Reiter

An Tag drei starten wir durch das Chiemseemoos zwischen Übersee und Bernau. Ziemlich harte Wege zwingen uns zum langsamen reiten. Dafür sehen wir kilometerweit keine Menschenseele. Erst beim Torfbahnhof in Rottau kommen uns ein paar Radfahrer entgegen, mit denen wir kurz plaudern. „Ihr habt es nicht so anstrengend wie wir“, rufen sie uns noch grinsend zu. Das würde ich so nicht sagen, für lange Reitstrecken brauchen auch die Reiter eine gute Kondition. Und Sitzfleisch sowieso. Gerade wenn es lange im Schritt dahin geht. Um Zeit zu sparen, lassen wir in Bernau das Bad in Chiemsee aus. Prien müssen wir weiträumig umreiten. Dafür sind die Wege wieder weicher, deshalb kommen wir zum Schluss auch flott voran. In Rimsting übernachten wir bei Freunden, die schon den ganzen Sommer darauf gewartet haben, dass das Gras in einem unebenen Teil ihres Grundstücks kürzer wird. Das lassen sich Jamie und Elvis natürlich nicht zweimal sagen.

Stoppelfelder bis zum Abwinken

Weil wir vorher Wechselklamotten, Waschzeug, Kraftfutter und sämtliche Utensilien für die Pferdepflege auf unsere Stationen verteilt haben, müssen wir am Sattel kaum Gepäck befestigen. Die Ledertasche an Jamies Sattel dient eigentlich nur dem Transport der Brotzeit. Die holen wir uns beim Bäcker oder Edeka, was jedesmal für Verzögerungen sorgt. Pferde auf dem Parkplatz: Das ist offenbar kein alltäglicher Anblick für die Chiemgauer. So viele streichelnde Hände haben unsere zwei Rösser schon lange nicht mehr erlebt. Und es scheint ihnen sichtlich zu gefallen. Denn nach drei Tagen und gut 75 Kilometern, da könnte man Müdigkeitserscheinungen gut verstehen. Von wegen! Langsam kommen sie erst richtig auf den Geschmack! Und so wundert es uns nicht, dass wir die Eggstätter Seenplatte in Windeseile hinter uns lassen.

Seepferdchen im Chiemsee im Chiemgau

Seepferdchen im Chiemsee

Der Herbst ist zum Ausreiten auch deshalb die ideale Jahreszeit, weil sich ein Stoppelfeld ans andere reiht. Jede Menge Galoppstrecken! Mir kommt es fast so vor, als ob die Bauern mit dem Umackern heuer extra gewartet haben, bis wir einmal über das abgeerntete Feld gefetzt sind. Bei Breitbrunn treffen wir einen Landwirt, der uns von seinem Bulldog aus amüsiert beobachtet. Wir winken ihm zu und drosseln das Tempo, denn unser Ziel haben wir fast erreicht: das Chiemseeufer bei Seebruck. Hier lassen wir die Pferde noch einmal planschen. Weil der Handyakku kurz vor Schluss den Geist aufgegeben hat, können wir die gesamte Strecke nur schätzen: 100 Kilometer dürften es schon gewesen sein. Den Hafer haben sich Elvis und Jamie jedenfalls redlich verdient! Wir holen die Butterbrezen aus der Satteltasche und genießen noch einmal den Blick auf See und Berge. Ein wunderbarer Abschluss eines gelungenen Wanderritts. Und sicherlich nicht dem letzten.

Wald bei Rimsting im Chiemgau
Tipp

In unserem Blog finden sich auch noch weitere Infos rund um das Reiten am Chiemsee im Chiemgau. Viel Spaß beim Stöbern!


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