Wir suchen die schönsten G’schichten aus dem Chiemgau.

Teilen Sie Ihre Geschichte und schenken Sie ein Lächeln.
» zum Gast-Autor Formular

Die Wendelstein Zahnradbahn – Ein Muss für Bahnfans und Bergfexe

Datum: 2. Januar 2017 . Autor: Sandra Berthaler . Kategorie: Ausflugsziele . Klettern & Bergerlebnisse
Wendelsteinbahn
Sandra Berthaler

Sie ist Deutschlands erste Hochgebirgsbahn und fährt jedes Jahr bis zu 200.000 Menschen auf den Wendelstein. Wie gefährlich der Bau der Wendelsteinbahn 1910 war, was sie heute so sicher macht und was sein Lieblingsplatz auf dem Wendelstein ist, verriet uns ihr ehemaliger Betriebsleiter Hans Vogt.

Mit einem Ruckeln fährt die voll besetzte Wendelsteinbahn aus dem Talbahnhof und aufgeregtes Kindergeschrei weicht gespannter Stille. Obwohl die Zahnradbahn nur 15 bis 30 Stundenkilometer fährt, ist die enorme Steigung sofort spürbar – und sichtbar. In beruhigendem Schaukeln geht es durch schattige Wälder und üppig blühende Almwiesen. Wen dieser Ausblick noch nicht beeindruckt, klebt spätestens ab der Haltestelle Aipl am Fenster. Ab hier bahnt sich Deutschlands erste Hochgebirgsbahn ihren Weg durch in Fels gehauene Tunnel, Galerien und Brücken. „Die Fahrt mit der Zahnradbahn hat natürlich etwas Besonderes, weil sie zum größten Teil auf freier Strecke fährt. So hat man eine freie Sicht ins Inntal, bis nach München und in die Zentralalpen“, erklärt Hans Vogt das einmalige Fahrerlebnis. Er war 47 Jahre bei der Wendelsteinbahn beschäftigt, 35 Jahre davon als Betriebsleiter, und kennt die Zahnradbahn wie kein Zweiter. Doch ihre Entstehungsgeschichte beeindruckt selbst den Fachmann bis heute: In nur zweijähriger Bauzeit gelang es den Arbeitern 1910, die knapp zehn Kilometer lange Strecke mit sieben Tunnel, acht Galerien und zwölf Brücken zu errichten.

Herr Vogt, der Bau der Wendelsteinbahn hat nur zwei Jahre gedauert. Wie war das damals möglich?
Hans Voigt in der Wendelsteinbahn

Hans Voigt in der Wendelsteinbahn

Der Geheime Kommerzienrat Otto von Steinbeis hat die Bahn mit 800 Gastarbeitern aus Serbien, Kroatien und Bosnien gebaut. Diese hatte er schon in seinen Holzindustrien in Serbien und Kroatien beschäftigt, wo sie 400 Kilometer Waldbahnen gebaut hatten, um das Holz zu transportieren. Dadurch hatte von Steinbeis Spezialisten für den Bau der Zahnradbahn in dieser extremen Lage. Und zäh waren sie auch. Zu der Zeit hatte es am Wendelstein noch meterhoch Schnee und die Arbeiter haben trotzdem weitergebaut.

Würde das heute noch jemand in zwei Jahren hinbekommen?

Das glaube ich kaum. Wenn heute jemand den Antrag für eine Bahn in dieser geografischen Lage stellen würde, würde allein das Genehmigungsverfahren mindestens zehn Jahre dauern.

War der Bau für die Arbeiter gefährlich?

Leider ja. Die Zahnradbahn ist mit einfachsten Werkzeug gebaut worden, mit Pickel, Schaufel und Schubkarre. Es wurden 35000 Kilo Sprengstoff benötigt, um diese Trasse dem Berg abzugewinnen. Beim Bau sind fünf Bauarbeiter tödlich verunglückt. Es gibt aber keine Aufzeichnungen, wie sie verunglückt sind. Nur ein Unfall ist beschrieben und der ist mit Strom passiert. Zur damaligen Zeit wurde die Gefahr von Strom natürlich noch nicht erkannt. In Brannenburg gab es damals noch gar kein Stromnetz. Otto von Steinbeis musste dort erst ein Kraftwerk bauen lassen, um den Strom für die Bahn zu erzeugen. Diese Anlage hat er bereits so geplant, dass er Gleichstrom aus Wasserkraft erzeugen konnte und auf derselben Welle auch Wechselstrom fürs Ortsnetz. So konnte er in relativ kurzer Zeit ganz Brannenburg mit Strom versorgen. Auch heute noch ist die Stromversorgung von Brannenburg und Flintsbach ein Hauptteil des Geschäftes der Wendelsteinbahn.

Kann die Bahn bei jeder Witterung fahren?

Nein, bei einem Gewitter z.B. könnte ein Blitz in die Fahrleitung fahren und die Elektrik der Bahn beschädigen. Und wenn wir im Winter Skibetrieb haben, müssen wir auf die Lawinengefahr achten. Da der Wendelstein sehr steil abfallend ist, können immer wieder Lawinen entstehen. Heute werden die Lawinen abgesprengt und die Strecke erst wieder befahren, wenn die Lawinenkommission, deren Obmann ich bin, sie als sicher einstuft. Die Sicherheit geht bei uns immer vor. Wenn es irgendwelche Mängel gibt, fährt die Bahn nicht – da können hier unten auch 10.000 Fahrgäste stehen.

Wie werden die Bahn und ihre Strecke gewartet?

Der Unterhalt der Bahntrasse und der Schienen ist natürlich aufwändig, weil man normale Gleisbaumaschinen in dieser Steigung überhaupt nicht verwenden kann. Das ist noch Handarbeit und relativ zeitaufwändig. Was aber wirklich Geld kostet, ist der Unterhalt der Triebfahrzeuge. Diese sind aus dem Jahr 1990 und dann haben wir noch drei nostalgische Garnituren aus dem Jahr 1912. Da wir laut den Beförderungsrichtlinien keine Berg- sondern eine Eisenbahn sind, unterliegen wir wie die Deutsche Bahn den Richtlinien des Eisenbahnbundesamts. Das schreibt vor, dass sämtliche Fahrzeuge der Wendelsteinzahnradbahn alle acht Jahre eine Hauptuntersuchung bekommen. Bei dieser wird das Fahrzeug in sämtliche Einzelteile zerlegt und revidiert und vom Eisenbahnbundesamt geprüft. Dann erst geht das Fahrzeug wieder auf die Schiene.

Bergbahnhof auf der Wendelsteinbahn-Strecke

Bergbahnhof auf der Wendelsteinbahn-Strecke

Und wie warten Sie die Gleise?

Bei den Gleisen werden jährlich die Schienenlage und die Spur gemessen. Zudem geht jede Woche ein Streckengeher der Bahn die Trasse von oben nach unten ab, untersucht den Gleisbau und die Weichen und dokumentiert sie.

Sie bieten auch ein paar Mal im Jahr Mondscheinfahrten mit der Nostalgiebahn an. Was ist das Besondere an dieser Bahn?

Die Nostalgiebahn vermittelt einem eine Fahrt mit der Eisenbahn aus der Gründerzeit. In den Bahnen sind noch dieselben Holzbänke wie vor 100 Jahren. Die Nostalgiebahn ist natürlich nicht so gefedert wie die neuen Bahnen und ruckelt viel mehr. Wir fahren mit ihr eine Geschwindigkeit von max. 15 Km/h. Die Fahrgäste scherzen immer, dass sie nebenher noch ein paar Blumen pflücken könnten. Auf dem Gipfel kann man sich dann den Sonnenuntergang ansehen und unser Wirt im Wendelsteinhaus oben zaubert für die Gäste ein leckeres Menü. Die Fahrten sind so  beliebt, dass man sich schon jetzt fürs nächste Jahr anmelden muss.

Wenn jemand zum ersten Mal auf den Wendelstein fährt, welche Sehenswürdigkeiten würden Sie ihm dort oben empfehlen?

Auf dem Gipfel- und Panoramaweg hat man einen fantastischen Ausblick. Aber auch die Wendelsteinhöhle ist ein schönes Ausflugsziel. Der Wendelstein ist nämlich so besonders, weil man ihn nicht nur von außen, sondern auch von innen anschauen kann. Genau mitten im Berg befindet sich 170 Meter lange Wendelsteinhöhle. Sie ist bei der Bildung der Alpen entstanden und voll erschlossen und beleuchtet. Dort kann man sich unter anderem über den Einfluss der Höhle auf den Menschen informieren.

Sie kennen den Wendelstein schon seit Ihrer Kindheit. Was ist Ihr Lieblingsplatz da oben?

Mein Lieblingsplatz ist eine Stelle auf dem Panoramaweg, kurz bevor man wieder die Bergstation erreicht. Dort kann man einen Blick auf die Zahnradbahn werfen, die sich wie eine Modelleisenbahn den Berg hinaufschiebt. Da wird einem nochmal richtig bewusst, was Otto von Steinbeis und seine Arbeiter 1912 geleistet haben. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Wendelsteinbahn
Tipp

Weitere spannende Fakten zur Wendelsteinbahn und ihrer Geschichte lesen Sie in Hans Vogts „Chronik der Wendelsteinbahn GmbH“. Alle Infos rund um den Wendelstein und seine Sehenswürdigkeiten finden Sie unter der Wendelsteinbahn-Homepage.


Datum: 2. Januar 2017 . Autor: Sandra Berthaler . Kategorie: Ausflugsziele . Klettern & Bergerlebnisse
Hinterlassen Sie einen Kommentar

Nach Absenden des Kontaktformulars erfolgt eine Verarbeitung der von Ihnen eingegebenen personenbezogenen Daten durch den datenschutzrechtlich Verantwortlichen zum Zweck der Bearbeitung Ihrer Anfrage auf Grundlage Ihrer durch das Absenden des Formulars erteilten Einwilligung. Weitere Informationen