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Zum Schlupfstein in St. Wolfgang

Beim Durchschlupfen ©Bernhard Graf
Dorothea Steinbacher

Wer unter Rückenschmerzen leidet, sollte diesen Ausflug unbedingt unternehmen: Im kleinen Kirchlein St. Wolfgang zwischen Altenmarkt und Rabenden gibt es einen geheimnisvollen Schlupfstein – zwängt man sich durch die halbrunde Öffnung, verschwinden die Kreuzschmerzen ein für allemal, heißt es.

Kirche von St. Wolfgang im Chiemgau

Kirche von St. Wolfgang

Auch gegen ein zweites Anliegen hilft das Durchschlüpfen der Überlieferung nach: Für Frauen, die ungewollt kinderlos sind, soll sich schon kurz nach dem Besuch in St. Wolfgang ihr Kinderwunsch erfüllen.

Wir machen uns also auf in den nördlichen Chiemgau. Von Altenmarkt sind es gerade einmal fünf Auto- oder 15 Radlminuten Richtung Obing, bis rechts ein Wegweiser nach „Berg, St. Wolfgang“ auftaucht. Wir biegen ab und fahren kurz hinauf auf den Höhenzug, der die alte Salzstraße – die heutige B304 – begleitet. Schon die Römer bauten diese Straße aus, und auf der Höhe errichteten sie einen befestigten Posten. Wir genießen die weite Aussicht auf diesem sonnigen Platz – wie vermutlich auch die römischen Besatzer vor 2000 Jahren, doch begeisterten die sich wohl hauptsächlich für die strategisch günstige Lage.

Vielleicht besetzten sie aber auch einen uralten Kultplatz, den die Kelten hier errichtet hatten? Mit ihren grauen Tuffsteinwänden und dem ebenfalls grauen Schindeldach wirkt die Kirche heute noch wie eine Festung – die rundherum laufende Umfriedung tut ein Übriges. Und wenn man den Bereich innerhalb der Kirchhofmauer betritt, hat man das Gefühl, man befinde sich in einem heiligen Bezirk. Das ist er wohl auch seit über zweitausend Jahren. Denn am Anfang war hier nur ein verehrter Felsen, und über ihm wurde dann die Kirche gebaut.

Der Schlupfstein von St. Wolfgang im Chiemgau

Der Schlupfstein von St. Wolfgang

Die Mesnerin Barbara Schleifer (Tel. 08621/8366) zeigt uns den Schlupfstein, der mitten in der Kirche vor dem Hochaltar steht: Über dem natürlichen Felsen mit tiefen, vom Gletscher ausgewaschenen Höhlungen befindet sich ein Marmoraufsatz, der den Stein wie ein Tisch ohne Deckplatte auf drei Seiten umfasst. An einer kurzen Seite wurde eine halbrunde Öffnung ausgeschnitten – der Schlupf. Hier muss man sich durchzwängen, genau über der tiefsten Höhlung im Felsen. Die Mesnerin zeigt, wie man das am geschicktesten anstellt: Man steigt mit beiden Beinen in die Vertiefung, streckt die Arme über den Kopf oder legt sie eng an den Körper an und windet sich nun zunächst mit dem Oberkörper, dann mit den Beinen durch die schmale Öffnung.
Die Rückenschmerzen sollten also bei der Aktion nicht allzu akut sein, denn ein wenig muss man sich schon verrenken beim Durchschlüpfen. Und allzu reichlich sollte man vorher nicht gespeist haben, sonst passt der Bauch nicht durch…

Den Durchschlupf gibt es aber erst seit der Zeit um 1720 – vorher war hier nur der löchrige Fels mitten in der Kirche. Diesen eigenartigen Befund erklären die Forscher so: In vorchristlicher Zeit war es an vielen Orten in Europa üblich, dass Frauen Wasser in Felshöhlungen gossen und um Fruchtbarkeit beteten. Die Erde wird durch das Begießen mit Wasser fruchtbar, und diese symbolische Handlung sollte auch den Menschen Fruchtbarkeit schenken. Der Fels mit seinen Höhlungen wurde offenbar auch in christlicher Zeit noch so stark verehrt, dass man ihn als Mittelpunkt der neuen Kirche wählte. Im Barock allerdings setzte man dem heidnischen Treiben ein Ende und errichtete den Schlupfstein darüber. Nur die Überlieferung, dass das Durchschlüpfen gegen Kinderlosigkeit helfen soll, erinnert noch an den uralten Brauch.

Spurstein von St. Wolfgang in der Vorhalle der Kirche

Spurstein von St. Wolfgang

Weitere natürlich ausgewaschene Steine finden wir übrigens in der Vorhalle der Kirche. Sie sollen die Körperumrisse des heiligen Wolfgang zeigen: Auf seiner Reise von Regensburg an den Abersee (der jetzt nach ihm Wolfgangssee heißt) soll sich der Bischof auf den Steinen ausgeruht haben. Dabei erweichten sich der Überlieferung nach die Steine von selbst, um dem Heiligen ein bequemes Ruhelager zu bieten. Auch die Höhlung in unserem alten „Fruchtbarkeitsstein“ hat man in christlicher Zeit dann als Fußstapfen des Heiligen gedeutet.

Vom Umbau zum Schlupfstein versprach man sich im Barock übrigens noch einen zweiten Vorteil: Dass damals alle Welt an den Wolfgangssee wallfahrtete, um durch den dortigen Felsspalt des heiligen Wolfgang zu schlüpfen, das ärgerte die kirchliche Obrigkeit. So schuf man sich einen heimischen Schlupfstein des heiligen Wolfgang – und die Spenden der Wallfahrer blieben im Lande.

Die Sonnenuhr in St. Wolfgang
Tipp

Von St. Wolfgang aus lassen sich schöne Spaziergänge unternehmen: Entweder auf dem Höhenzug Richtung Westen und über Ziegelstadl hinunter nach Rabenden, wo man einen der prächtigsten Schnitzaltäre Bayerns besichtigen kann. Oder man wandert in die andere Richtung über Kirchberg nach Altenmarkt, immer in der Höhe mit schöner Aussicht nach Süden.


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3 Kommentare
  1. Klima sagt:

    Bitte teilen Sie mir die Öffnungszeiten dieser Kirche mit Schlupfstein St.Wolfgang mit.
    Vielen Dank und freundliche Grüße
    Peter Klima

    • Guten Tag Herr Klima,
      die Kirche in St. Wolfgang hat keine fixen Öffnungszeiten. Im Zweifelsfall einfach vorher die Mesnerin Barbara Schleifer anrufen, deren Telefonnummer steht in meinem Artikel.
      Beste Grüße, Dorothea Steinbacher

  2. Hallo Dorothea,

    wirkt der Schlupfstein schon?
    Wahrscheinlich bist Du schon lange freudige Mutter von Drillingen!
    Oder hat der Stein eine Art „Inkubationszeit“ 🙂
    Liebe Grüße aus dem Grenzland
    Schorsch