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Staudacher Alm: Almleben im Wandel der Zeit

Datum: 12. Mai 2015 . Autor: Andrea Obele . Kategorie: Almen . Ausflugsziele . Genuss . Region . Regionale Spezialitäten . Staudach-Egerndach . Wandern
Wunderschön im Talkessel unter dem Hochgern gelegen – die Staudacheralm.
Andrea Obele

Irmgard Gutsjahr (70), die seit den 70er Jahren Sennerin auf der Staudacher Alm ist, erzählt von anno dazumal und heute, von ihren Gästen und Kühen im Nebel.

Von der Schnappenkirche (1100 m) kommend wandert man erst einmal durch einen „Urwald“, um die Staudacheralm (1150 m) zu erreichen. „Ein Urwald in den Chiemgauer Bergen?“ fragen Sie sich nun. Ja, tatsächlich soll hier wieder der „Urwald“ im wortwörtlichen Sinne, also der urwüchsige Wald von früher, entstehen. Lange vor den Menschen war jeder Wald ein Urwald, erklärt ein Hinweisschild der Forstverwaltung auf der gemütlichen, ziemlich ebenen Strecke. Hier, unterhalb des bekannten Aussichtsberges Hochgern, soll wieder ein Naturwald entstehen, der ohne Eingriffe von außen sich selbst überlassen ist.

Durch den Urwald zur urigen Staudacheralm

Urig – das wird es auch, wenn man aus dem Wald heraus durch ein Tor die Staudacheralm erblickt. Die Alm musste 1907 nach einem Lawinenunglück neu aufgebaut werden. Nun geht es in ein paar Schritten vorbei an fröhlich gackernden Hühnern und wiederkäuenden, braungefleckten Kühen auf die gut gefüllte, kleine Terrasse der bayerischen Alm. Fröhlich geht es hier zu und bei Bier und frischen, almtypischen Käse- und Speckbroten sowie Kaffee und selbst gebackenem Kuchen lässt es sich in dem Talkessel unter dem Hochgern bestens aushalten.

Hinweisschild auf den "Urwald", den man auf dem Weg zur Staudacheralm durchquert

Hinweisschild auf den „Urwald“, den man auf dem Weg zur Staudacheralm durchquert

Im Inneren der Alm geht Sennerin Irmgard Gutsjahr geschäftig zu Werke. Eine Holztheke, die, wie andernorts üblich, die Gäste vom Inneren der Hütte trennt, gibt es nicht. „Ich will doch meine Gäste nicht aussperren“, schmunzelt sie, als ich frage, warum das so ist.

Irmi, die über 70 Lenze auf dem Buckel hat, ist immer gern in Gesellschaft und bewirtschaftet seit den 70er Jahren die Staudacher Alm. Schon als Kind begleitete die kurzhaarige Brillenträgerin ihre Mama auf die Alm, irgendwann hat sie dann die Arbeit von ihr übernommen. Irmis Mann begleitet sie nun, seit er in Rente ist, den ganzen Sommer lang auf der Alm. Kinder und Enkel besuchen die Gutsjahrs regelmässig, um zu helfen. „Wir haben immer noch Spaß an der Arbeit und solange es geht, werden wir auch die Staudacheralm bewirtschaften“, bekräftigt Irmi voller Stolz. „Wenn es ein guter Platz ist, bleibt man eben lang.“

Leben zwischen Kuhglocken und Handy

Vieles hat sich seit den letzten 30 Jahren auf der Staudacher Alm geändert. Irmi geht mit der Zeit, das habe ich schon bei den Terminabsprachen, die über Irmis Mobiltelefon geführt wurden, bemerkt. „Früher gab es kein Telefon, keine Straße und es war insgesamt sehr mühselig“, erzählt die Sennerin aus Leidenschaft. „Der Proviant für uns und die Gäste musste zu Fuß herauf getragen werden und die Tiere wurden hoch getrieben. Irgendwann wurde später das Bier mit dem Traktor hoch gefahren, das war schon eine enorme Erleichterung. 1993 wurde dann eine Straße herauf gebaut, und seitdem ist es viel einfacher. Die Tiere werden nun mit dem Hänger auf die Alm gebracht.“ Die Arbeit auf der Alm ist auch nicht mehr so anstrengend wie damals: „Früher waren Wald und Weide nicht getrennt, man musste oft die Tiere zwischen den Bäumen am Hang suchen und besonders im Nebel ist das sehr aufreibend“, erzählt die Sennerin von anno dazumal.

Sennerin Irmi Gutsjahr und ihre Enkelin, die ihr gern zur Hand geht

Sennerin Irmi Gutsjahr und ihre Enkelin, die ihr gern zur Hand geht

18 Kühe hat sie momentan hier oben zu betreuen, und auch das ist jetzt geruhsamer als noch vor Jahren, denn gemolken müssen die Rinder nicht mehr werden. „Früher hieß es spätestens um 5.30 Uhr raus aus den Federn zum Melken“, schmunzelt die rüstige Seniorin. „Da es mittlerweile ja durch Gesetze und Unverträglichkeiten gar nicht mehr so einfach ist, Rohmilch an die Gäste zu verkaufen, sind nun keine Milchkühe mehr heroben.“

„Wenn es mit den Vorschriften so weiter geht“

Gesetze, ja die haben sich in den vergangenen Jahren auch geändert, und wie Gutsjahr feststellen muss, nicht immer zum Guten. „Früher habe ich selber Käse gemacht, aber mittlerweile ist das aus mehreren Gründen gesetzlicher Natur leider nicht mehr möglich.“ So stammt der Käse auf der Alm zwar von den Kühen des gleichen Bauern, dem die Alm und das Vieh hier oben gehört, doch die Milchkühe und die Käserei stehen nun im Tal. „Bald wird man auf den Almen nicht mehr mit der Hand melken dürfen, wenn es mit den Vorschriften so weitergeht, und das ist nicht gut“, bemerkt Irmi traurig. Dabei wäre alles so einfach, denn mit den Bauersleuten und den Forstverantwortlichen versteht sie sich genauso gut wie mit den Gästen, die zahlreich auf die Alm kommen.

Was sie selbst gern mag, hier auf der Staudacher Alm? „Alles, und vor allem die Leute, die hoch kommen“, schmunzelt Irmi. Sie ratscht gern, setzt sich, wenn es die Zeit zulässt, raus zu den Gästen und hört zu, was sie aus dem Tal oder vom Hochgerngipfel für Geschichten mitbringen. Wenn dann im Herbst der Schatten, der die Staudacher Alm im Winter fest im Griff hat, die Gutsjahrs ins Tal treibt, vermisst sie ihre Gäste schwer. Genauso wie die Kuhglocken, die ihr nach einem Bergsommer auf der Alm noch tagelang im Ohr nachhallen. Die schönste Zeit für Irmi ist also, wenn nach dem Winter die Staudacher Alm auf Hochglanz geputzt ist und sie und die „Viecher“ samt Glocken wieder heroben sind.

… warum man bei schlechtem Wetter die Schuhe auszieht

Was sie nicht mag? „Leute, die weder Grüß Gott oder Pfiad Gott sagen können und die, die ihre Schuhe nicht ausziehen, wenn sie meine Stube betreten“. Da gäbe es an Schlechtwettertagen immer mal wieder Ärger, wie Irmi schildert. „Die Stube ist ja zugleich Wohnzimmer und Gaststube. Allerdings ist diese mit Teppich ausgelegt und so einfach wie im Tal ist es nicht, hier sauber zu machen. Ausserdem wird man daheim ja auch nicht das Wohnzimmer mit dreckigen Bergstiefeln betreten. Manche Gäste können mich trotzdem nicht verstehen, wenn es heisst: Schuhe ausziehen!“. Das sei Gott sei Dank jedoch die Minderheit und im Großen und Ganzen seien die Gäste vernünftig.

Ob ihre Kinder oder Enkelkinder den Job der Sennerin auf der Staudacher Alm irgendwann übernehmen werden, das glaubt Irmi nicht. Irgendwie wird es trotzdem weitergehen auf der Staudacher Alm, davon ist sie überzeugt – egal, was für Vorschriften noch kommen werden.

Urig geht es auf der kleinen, aber feinen Terrasse der Staudacheralm zu

Urig geht es auf der kleinen, aber feinen Terrasse der Staudacheralm zu

Tipp

Für Wander-Fans ist die Staudacher Alm eine optimale Zwischenstation auf der SalzAlpenTour Marquartstein-Schnappenkirche. Auf dieser Halbtagestour durch gut befestigte Forstwege hat man vor allem eines: genügend Zeit im stillen Wald durchzuatmen, dem Alltag zu entfliehen und auf manch einsamer Bank Ruhe zu tanken. Die Staudacher Alm liegt etwa 35 Minuten einfache Strecke und etwa 130 Höhenmeter von der Schnappenkirche entfernt. Von der Wandertour ab führt eine Abzweigung gut ausgeschildert links hinter der Schnappenkirche bergauf. Gesamtgehdauer: ca. 5 Stunden (SalzAlpenTour inkl. Strecke hin und zurück Staudacher Alm). Direkt vom Wanderparkplatz Staudach aus ist die Alm auch über einen Forstweg direkt zu erreichen, Gehzeit etwa eineinhalb Stunden.


Datum: 12. Mai 2015 . Autor: Andrea Obele . Kategorie: Almen . Ausflugsziele . Genuss . Region . Regionale Spezialitäten . Staudach-Egerndach . Wandern
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