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Kirchweih im Chiemgau: Schmalznudeln, Kirchweihganserl & Kirtahutsch

Kirchweihgänse im Chiemgau
Dorothea Steinbacher

Am dritten Sonntag im Oktober ist Kirchweih, einst fast das wichtigste Fest auf dem bäuerlichen Land – gleich nach Weihnachten und Ostern. Im Gegensatz zu diesen hohen Kirchenfesten ist die Kirchweih aber vor allem als weltliches Fest von Bedeutung: Es wird vor allem ausgelassen gefeiert, gesungen und getanzt, gegessen und getrunken. Und das hat sich bis heute – zumindest auf dem Land – nicht geändert.

Der Kirchweihtag

Mit dem Kirchweihtag sind die meisten Draußen-Arbeiten für die Bauern beendet, die Ernte ist eingebracht, das Almvieh ist wieder daheim im Stall. Das ist ein Grund zum Danken und zum Feiern. Früher kamen an Kirchweih Verwandte und Freunde zusammen, Haus und Hof wurden blitzblank geputzt, schon am Samstag backte die Bäuerin mit den Dienstboten Berge von Schmalznudeln, Geflügel wurde geschlachtet, diverse Braten vorbereitet und Dutzende von Semmeln für die Knödel geschnitten.

Schuchsen

Hausgemachte Schuchsen, ein Schmalzgebäck für Kirchweih

Am Kirchweihsamstag Nachmittag läuteten die Kirchenglocken das Fest ein, von den Kirchtürmen hängt heute noch bisweilen der „Zachäus“, die rote Kirchenfahne mit dem weißen Kreuz. Ihren Namen hat die Fahne von der Bibelgeschichte, die an diesem Tag in der Kirche gelesen wird: vom betrügerischen Oberzöllner Zachäus, der auf einen Baum kletterte, um Jesus zu sehen und von Jesus dann trotz seiner Verfehlungen eingeladen wird, am Festmahl teilzunehmen. Das wurde auch als sozusagen biblische Aufforderung zum üppigen Festschmaus gedeutet.

Früher, ganz früher, war der Kirchweihtag eigentlich der Tag, an dem die jeweilige Kirche geweiht worden war – meist am Gedenktag für den Patron der Kirche: die Kirche St. Oswald feierte also am Oswaldtag (oder dem Sonntag danach), die Kirche St. Ulrich am Ulrichstag und so weiter. Weil dadurch aber fast jeden Sonntag in irgendeinem Dorf Kirchweih war und weil man in Bayern natürlich auch in die Nachbardörfer zum Kirchweih-Feiern ging, wurde es der Obrigkeit irgendwann zu viel. Damit alle nur an einem Tag feiern sollten, hat man 1866 die sogenannte Allerweltskirchweih für alle auf den dritten Sonntag im Oktober gelegt.

„A richtiger Kirta“

Scheitenküchlein Chiemgau

Schoatenküchel, ein Schmalzgebäck, das seinen Namen von der Ähnlichkeit mit Hobelspänen, bayerisch: Hobelschoaten, hat

Allerdings feiert der Bayer seine Kirchweih nicht nur am Sonntag, sondern zumindest auch noch am Kirchweihmontag, der bis heute in vielen Chiemgauer Orten als halber Feiertag gilt: Die Geschäfte haben geschlossen, Angestellte haben frei und man feiert da weiter, wo man am Sonntag aufgehört hat. Das war auch früher schon so: „A richtiger Kirta“, hieß es, „dauert bis zum Irta. Es ko se scho schicka, aa bis zum Migga.“ (Eine richtige Kirchweih dauert bis Dienstag, es kann aber auch mal sein bis zum Mittwoch.)

Nach dem morgendlichen Kirchenbesuch wird geschlemmt, das gehört an Kirchweih dazu: Suppe mit Leberknödeln, Braten mit Semmelknödeln, Gänsebraten und Gickerl (Hähnchen) mit Kraut und Kartoffelknödeln, dazu Bier und Schnaps. Und zum Abschluss muss es Schmalzgebäck sein: Auszogne Nudeln, Apfel- und Zwetschgenküchl, Krapfen kennen wir heute noch. Früher war die Bandbreite der Schmalznudeln, wie das Schmalzgebäck im Chiemgau heißt, noch viel größer: Da gab es Strauben und Schuchsen, Schoatenküchel und Schneeballen. In der Tippbox finden Sie das Rezept für die Schuchsen, der Name kommt übrigens von „Schuhsohlen“, weil das Gebäck diese Form hatte.

Die Kirchweihschaukel

Wer sich nach dem üppigen Mahl noch bewegen konnte – das waren zumindest die Kinder und die Jugend, der ging zum fröhlichen Höhepunkt des Kirchweihnachmittags in den Stadel des Bauern, der die Kirtahutsch aufgebaut hatte – die Kirchweihschaukel. Bis heute gibt es eine solche Riesenschaukel in vielen Dörfern, und jeder kann kommen und mitschaukeln. Die Hutsch besteht aus einem langen, dicken Brett oder einer Leiter, die waagrecht unter dem Deckenbalken aufgehängt wird, mithilfe von starken Seilen oder Ketten. Auf dem Brett können bis zu einem Dutzend Personen rittlings Platz nehmen. Dann stellen sich zwei kräftige Burschen vorn und hinten auf die Schaukel und „tauchen an“, setzen die Schaukel in Bewegung. Das kann dann ziemlich wild werden, wenn bis zum Deckenbalken hinauf gehutscht wird! Für die Kinder ein einmaliges Vergnügen, fröhliches Kreischen und Anfeuern gehören zur Kirtahutsch dazu.

Chiemgau Kirtahutsch

Eine echte Kirtahutsch – Vergnügen für Jung und Alt (Foto: Hans Eder)

Übrigens: Bei allem weltlichen Feiern und Lustigsein hat man früher an Kirchweih auch an die verstorbenen Familienmitglieder gedacht und hat für die Armen Seelen die letzte Schmalznudel ins Feuer geworfen.

Schuchsen
Tipp

Rezept Schuchsen von der Kreisbäuerin Resi Schmidhuber, Kienberg

Zutaten für etwa 25 Stück:
500 g Weizenmehl
500 g Roggenmehl
500 g Topfen
½ TL Salz
3 Pck. Trockenhefe
Etwa ¼ l Milch
Fett zum Ausbacken (Butterschmalz oder Sonnenblumenöl)

So wird’s gemacht:
Die beiden Mehlsorten, Topfen, Salz und Hefe vermischen und mit so viel Milch verkneten, dass ein nicht zu weicher Teig entsteht, die Milch sollte am besten Zimmertemperatur haben. Den Teig in einer mit einem Deckel oder Folie abgedeckten Schüssel an einem warmen Ort mindestens 1 Stunde gehen lassen, bis sich sein Volumen verdoppelt hat. Noch einmal durchkneten und mit einem großen Löffel Teigportionen abstechen. Diese einzeln auf der bemehlten Arbeitsfläche mit einem Woigler [Nudelholz] zu einer flachen länglichen Form auswellen. Es sollten etwa 25 Stück werden. Die Schuchsen zugedeckt eine weitere Stunde gehen lassen. In einer großen Pfanne oder einem weiten Topf reichlich Fett erhitzen, bis an einem hineingehaltenen Holzlöffel Blasen aufsteigen. Die Schuchsen portionsweise in dem Fett goldbraun backen, auf Papier abtropfen lassen und möglichst frisch servieren.


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