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Die Mühle in St. Johann bei Siegsdorf

Die Mühle in St. Johann bei Siegsdorf
Dorothea Steinbacher

Hand aufs Herz: Wo kaufen Sie Ihr Mehl? Zum Kuchenbacken, für Pfannkuchen, Knödel und Weihnachtsplätzchen? „Na, im Supermarkt, wo denn sonst!“, lautet da meist die Antwort. Allenfalls gehen manche noch in den Bioladen – man will schließlich möglichst gutes, nicht behandeltes Mehl von möglichst ungespritzten Äckern für die eigene Küche.

Das beste Mehl gibt’s im Mühlenladen – direkt vom Produzenten, wie der Mühle in St. Johann bei Siegsdorf!

Ein Korb aus der Mühle

Mühlenprodukte

Eigentlich logisch. Im Chiemgau existieren noch mehrere Mühlen, die das selbst gemahlene Mehl auch an Endkunden verkaufen. Gottseidank! So können wir ebenso wie die Chiemgauer Gastronomen einfach in eine der kleinen, nach alter handwerklicher Art arbeitenden Mühlen fahren und uns die Tüten mit bestem Mehl direkt vom Müllermeister besorgen. Obendrein stellt so ein Ausflug in die Mühle ein Erlebnis für die ganze Familie dar: Welches Kind hat heutzutage schon mal einen echten Müllermeister gesehen, mit Mehlstaub in den Haaren und mit Oberarmen, denen man ansieht, dass sie die schwersten Mehlsäcke schleppen können?

Die Chiemgauer Mühlen, ein Kreislauf

Die Mühle in St. Johann bei Siegsdorf

Die Mühle von außen

Eine dieser kleinen Chiemgauer Mühlen, meine Lieblingsmühle, ist die Mühle in St. Johann – ein Ort, der heute zu Siegsdorf gehört. So klein das Dörfchen auch ist, es hat mindestens drei Sehenswürdigkeiten, die im Chiemgau als Geheimtipps gehandelt werden: das uralte Kirchlein ganz oben auf dem Hügel, den Mesnerwirt direkt daneben (wo es die besten Bratkartoffeln der Welt gibt) und – am Fuß des Hügels, direkt an der Roten Traun – die Mühle. Alle drei sind sehr alt. Teile der Kirche stammen noch aus dem 12. Jahrhundert, das Mesnerwirtshaus mindestens aus dem 15. Jahrhundert und die Mühle wird 1506 zum erstenmal urkundlich erwähnt.

Da gibt es sie aber schon lange, denn die Urkunde berichtet nur, dass in diesem Jahr die damals „erzbischöfliche Stiftsmühle“ verkauft wird. Allein durch die Wasserkraft der Roten Traun wurden die Mühlräder in früheren Zeiten angetrieben. Heute verlässt man sich darauf nicht mehr, denn allzu oft musste die Mühle früher still stehen, wenn es in trockenen Sommern wenig geregnet hatte. Ein elektrischer Antrieb setzt heute die Walzenstühle in Gang, die die alten Mahlsteine ersetzt haben, ebenso wie die Reinigungsmaschinen, die vor dem Mahlen das Getreide von Steinchen und sonstigen Verunreinigungen befreien, die Sieb- und Rüttelmaschinen, wie auch die gesamte Elektrik von Mühlenladen und Wohnung des Müllers. Erzeugt wird der Strom aber immer noch von der Mühle selbst, wie seit Jahrhunderten liefert die Energie die Wasserkraft der Traun. Wenn die nicht ausreicht, wird Strom von außen zugekauft, sodass ein Betrieb der Mühle heute stets sichergestellt ist. Bei guten Wasserverhältnissen in der Traun kann aber sogar Strom ins Netz eingespeist werden. Doch nicht alle Widrigkeiten der Natur hat die moderne Technik im Griff: Ein verheerendes Hochwasser setzte die Mühle im Jahr 2002 einen Meter unter Wasser. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, die entstandenen Schäden wurden mit großem Aufwand beseitigt – eine Markierung nahe der Eingangstür erinnert daran, sie zeigt den damaligen Wasserstand.

Ein echter Müllermeister: Josef Bachmeier

Die Mühle in St. Johann bei Siegsdorf

Müller Bachmeier

Seit vielen Jahren führt nun schon Josef Bachmeier die Mühle. Er hat als Lehrbub in St. Johann angefangen, seinen Meister gemacht und nach dem Rückzug des früheren Müllermeisters Emil Salzeder 2001 die Mühle übernommen. Im Gespräch spürt man zu jeder Zeit seine Leidenschaft für den Müllerberuf und die Liebe zu seiner Mühle St. Johann. „Nur ein Prozent der Mühlen in Bayern sind erhalten, die es vor rund hundert Jahren noch gab“, erzählt Bachmeier. „In Bayern wurden in den 1930er Jahren ungefähr 4500 Mühlen betrieben, heute sind es noch vielleicht 200.“ Bei einer Mühlenführung darf man alle Stockwerke der kleinen Mühle besichtigen – erklimmen würde es besser treffen: Schmale Treppen verbinden die verschiedenen Etagen, auf denen die Maschinen rattern. Die uralten schweren Holzdielenböden knarzen, wie man es sich in einer einsamen kleinen Mühle nicht anders erwartet, Mehlstaub liegt in der Luft. Der Blick nach draußen durch das eine oder andere Fensterchen führt in die üppige grüne Natur des feuchten Flusstales. In früheren Zeiten könnte diese Mühle gut das Vorbild für geheimnisvolle Spukgeschichten à la Krabat gewesen sein.

Der Mühlenladen, Mühlenführungen und Brotbackkurse

Die Mühle in St. Johann bei Siegsdorf

Der Mühlenladen

Nach der Führung haben wir ein ganz irdisches Ziel: den Mühlenladen im zweiten Stock. Hier kann man die besten Mehle einkaufen. Alle aus Chiemgauer Getreide gemahlen, Biomehle und konventionelle, Dinkel und Weizen, Roggen und Gerste, ohne Chemie und ohne Gentechnik, ohne Zusätze und Mehlbehandlungsmittel. Daneben gibt es handgemachte Nudeln aus diesem Mehl und allerlei gute Lebensmittel mehr. Nach dem Bezahlen werden die schweren Mehltüten dann in einen großen Korb gelegt, der an einem Strick vor dem Guckfenster des Ladens hängt, und über eine Umlenkung per Seilzug mit der Hand nach unten befördert. So muss man sie nicht die schmalen Treppen hinunterschleppen und kann seine Einkäufe bequem im Erdgeschoss vor der Eingangstür in Empfang nehmen. Wir freuen uns jedes Mal wieder auf den Einkauf in der Mühle – man bekommt exzellente Produkte, bei deren Entstehung man sozusagen zuschauen kann, eine freundliche, persönliche Beratung und Einblick in eines der ältesten Handwerke der Welt. Wie schön, dass die junge Familie des Müllermeisters Josef Bachmeier sich mit ihrer Kleinstmühle neben den Industriemühlen behauptet! Abnehmer sind aber nicht nur wir Endverbraucher, sondern auch Lagerhäuser und Läden in der Umgebung, wie auch Restaurants, Bäckereien und Pizzerien, die für ihre knusprigen Pizzaböden nur das Mehl vom Müller verwenden.

Nach Bedarf veranstaltet der Müllermeister Führungen, im Sommer gibt es Brotbackkurse. Die Mühlenführung ist nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene ein Erlebnis, wie man es selten findet. Denn wo kann man heute noch eine echte Mühle am rauschenden Bach erleben – mit hoch aufgetürmten Mehlsäcken und einem echten Müllermeister?

Weitere Informationen über die Mühle finden Sie auf der Homepage der Mühle St. Johann.

Mammutmuseum Siegsdorf im chiemgau
Tipp

In Siegsdorf gibt´s noch mehr zu entdecken. Verbindet den Ausflug in die Mühle mit dem Naturkundemuseum. In unserer beliebten Bloggeschichte über das Mammutmuseum  erfahrt ihr alles über ein Land vor unserer Zeit.


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