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Burg Tittmoning: Abschiedsgruß vom Burggespenst

Über die Holzbrücke gehts zur Burg.
Andrea Obele

Die Burg Tittmoning ist nicht, wie etwa die der Burghauser, wegen ihrer Superlative  „weltberühmt“, hat jedoch viele ganz andere Überraschungen parat. Denn sie entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als reichhaltige Schatzkiste, die in jedem ihrer Museums-Räume mehr und mehr wertvolle Einblicke und Weitblicke offenbart.

Über eine breite Holzbrücke und ein weit geöffnetes Tor betrete ich den Innenhof der Tittmoninger Burg. Beruhigendes Plätschern des Brunnens, der unter einer großen, grünen Linde steht, empfängt mich. Ich beschließe, diese Atmosphäre erst einmal auf mich wirken zu lassen, und setze mich auf eine der Holzbänke, die rund um die Linde gruppiert sind. Rechts von mir lädt mich eine Ausstellung in den sogenannten Fürstenstock, links bin ich zu einer Führung im Gerbereimuseum verabredet.

Kinderführungen mit Hieronymus, dem geistreichen Gespenst der Burg Tittmoning

Der Schatz auf der Tittmoninger Burg.

Der Schatz auf der Tittmoninger Burg.

Meine Blicke schweifen aus dem Innenhof hinauf zu dem hölzernen Wehrgang – und ich traue meinen Augen erst beim zweiten Blick. Tatsächlich! Da oben winkt mir ein Gespenst zu! Völlig verblüfft gucke ich noch mal hin, zur gleichen Zeit stürmt eine Gruppe Kinder eine Burgtreppe hinunter. Ich registriere, dass Hieronymus, das Tittmoninger Burggespenst, dieser Gruppe zum Abschied winkt. Das kleine Burggespenst führte die Kinder durch die verwinkelten Gänge der Burg zum Burgverlies, Wehrgang und zum Burgschatz, wie sie mir im Überschwang erzählen.

Gerbereimuseum: Leder erzählt Geschichten

Alles über Leder - die gute, alte Haut - gibt es im Gerbereimuseum zu erfahren.

Alles über Leder – die gute, alte Haut – gibt es im Gerbereimuseum zu erfahren.

Ich muss mich von diesem Anblick glücklicher und lachender Kinder losreißen und tauche ein in die Welt der Gerberei. Das Tittmoninger Gerbereimuseum, das kürzlich 10. Geburtstag feierte, hat wirklich alte Stücke zu zeigen: Lederstücke aus frühen Jahrhunderten, darunter Schenkungen von Privatleuten oder auch dem Kloster Raitenhaslach. Ein Lederkoffer, der als Reisekoffer jahrelang seine Dienste tat, kleine Babyschuhe oder uralte Gerberstiefel sind hier zu betrachten.

„Ausstellungsstücke wie die Stiefel erzählen selbst ihre Geschichte“, so Waltraud Jetz-Deser. „Schwerstarbeit wurde mit ihnen geleistet. Bei der Gerberei musste man oft im Wasser stehen, und diese Stiefel, die aus einer Familie stammen, wo Generationen Gerber waren, sind hart und unverwüstlich.“  So war auch das Handwerk: hart. Die Gerber wohnten in der „stinkenden Gass‘n“, denn faulende Haut- und Fleischreste gehörten zum Alltag. Die Bedingungen zur Herstellung von Leder sind und waren sehr schlecht, weiß Waltraud Jetz-Deser.

„Der Prozess, bis Leder fertig gegerbt war, dauerte ein Jahr“, erzählt die 47-Jährige über das Gerbereihandwerk, das in Tittmoning zu Hause war. „Wenn es dann vom Schuster verarbeitet war, wurde es unsterblich. Für mich ist es eine wichtige Botschaft, die Leder transportiert, nämlich, dass gute Dinge einfach ihre Zeit benötigen. Das den Besuchern mitzugeben, finde ich in unserer schnelllebigen Zeit sehr wichtig.“

Heimathaus der Burg mit 23 Schauräumen

Die Fahnen und Banner zeugten von Stand und Herkunft.

Die Fahnen und Banner zeugten von Stand und Herkunft.

Jetzt packt mich die Neugier: Wenn es im Gerbereimuseum schon so interessante Dinge zu entdecken gibt, was ist dann wohl im Heimathaus des Rupertiwinkels zu sehen? Durch  23 historische Schauräume, die noch originale Böden und Decken aus dem 17. Jahrhundert aufweisen, führt mein Weg. Einzigartige und bedeutende Sammlungen mit Volkskunst, Handwerks- und Landwirtschaftsgeräten, prächtigen Öfen, Gemälden und Schützenscheiben aus vier Jahrhunderten, vor- und frühgeschichtlichen Funden und die Heimatstube der Sudetendeutschen Landsmannschaft sollen mich hier erwarten und werden mich überraschen, wie die Burghausmeisterin und Burgführerin Renate Würzinger verspricht.

Türke auf dem Ofen und Gefangene im Scheibensaal

Ein lebensechter Türke thront hier auf dem Kachelofen.

Ein lebensechter Türke thront hier auf dem Kachelofen.

Ein erstes Innehalten beim sogenannten Türkenofen, ein Rokoko-Kachelofen etwa aus dem Jahr 1750, der ursprünglich im Pfarrhof in Fridolfing stand. Im Schneidersitz thront ein prächtiger, lebensechter Türke auf diesem Kachelofen. Weiter geht´s durch stilecht eingerichtete Wohnräume, ins Auge fallen alte Kochuntensilien und eine Holzbank, die über Nacht als unglaublich beengte Bettstatt für Kinder diente.

Der Weg führt zu unglaublich filigran gearbeiteten Wachsbildern und einer Schatztruhe, die in ihrem inneren einen komplizierten Schließ-Mechanismus aus Metall offenbart.  Zu jedem Ausstellungsstück gibt es eine interessante Geschichte zu erzählen, und ich bin froh an einer geführten Tour durch die Burg teilnehmen zu können. Altes Handwerkszeug erzählt von den anstrengenden Arbeiten unserer Vorfahren, und im Scheibensaal, wo im Gebälk noch Schnitzereien von Gefangenen zu entziffern sind, empfängt mich eine ganz besondere Art der Volkskunst: Über 120 Schützenscheiben zeugen hier vom Leben und der Kleidung aus längst vergangener Zeit.

Burg Tittmoning: Echtes Gespenst im Wehrgang?

Nun geht es hinauf zum Wehrgang – ich bin gespannt, ob auch mir Hieronymus über den Weg läuft. Aber das Burggespenst macht sich rar. Dennoch fröstelt es mich etwas, als ich durch den Gang schreite, obwohl die Sonne ihre warmen Strahlen durch die engen Schießscharten und vergitterten Fenster schickt. Das ist nicht ungewöhnlich, wie Renate Würzinger erzählt. Sie selbst hat hier schon mehrere, richtig unheimliche Dinge mit Gänsehautgefühl erlebt und ist überzeugt, dass der Geist des alten Fürsterzbischofs ab und an noch durch seine alten Besitztümer wandert …

 

Tipp

Im frisch renovierten Fürstenstock der Burg finden Tagungen, Ausstellungen, standesamtliche Trauungen und Konzerte statt. Die Burg Tittmoning entwickelt sich immer mehr zu einem bedeutenden Kulturschauplatz: Gerade die Konzerte im Sommer, hier vor allem die Burghofserenaden, zahlreiche Ausstellungen, Theateraufführungen, Märkte und Lesungen unterstreichen den Reiz der Anlage. Eine Übersicht über das kulturelle Programm in der Burg finden Sie unter www.burg-tittmoning.de.


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