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Die Knappenkapelle und der Bergbau in Inzell

A. Franz Keßler ist "der Mesner" der Knappenkapelle.
Andrea Obele

A. Franz Keßler sen. ist der Altwirt des traditionsreichen Gasthauses Schmelz bei Inzell am Rauschberg. Aber nicht nur das: Er kümmert sich mit Herzblut um die dort gelegene Knappenkapelle und ist zudem ein großer Kenner der Chronik des Bergbaus.

Auf 400 Jahre Bergwerkstradition kann Inzell zurückblicken. A. Franz Keßler macht das gern, schließlich ist der Ursprung seines Gasthauses in der Schmelz eng mit dem Bergbau verwurzelt. „1585 wurde das Schürfrecht verliehen“, erzählt der Experte, „1635, inmitten des Dreißigjährigen Krieges, begann man dann mit dem Abbau von Blei und einer Zinkblende (Galmei) am Rauschberg.

400 Jahre Bergwerkstradition

Da es sich um ein sehr bedeutendes Vorkommen handelte, wurden die bayerischen Arbeitskräfte im Bergwerk bald zu knapp, Unterstützung kam aus Österreich. Wie Keßler weiß, nicht nur mit Muskelkraft: „Um 1637/38 kamen die ersten Bergknappen aus dem benachbarten Tirol, die auch ihre Musik-Instrumente mitbrachten. So haben sich die Inzeller bald mit den Tirolern zusammengetan, und als Bergknappen-Musikkapelle zusammen gespielt. Daraus wurde 1756 die Inzeller Musikkapelle geboren, die damit die älteste Musikkapelle Bayerns ist.

Der Gasthof Schmelz und die angrenzende Knappenkapelle im Chiemgau

Der Gasthof Schmelz und die angrenzende Knappenkapelle Hl. Barbara

Hl. Barbara, Schutzpatronin der Bergleute

Um diese Zeit, 1680/90, haben die Knappen die kleine Bergknappenkapelle, die sich immer noch neben dem Gasthof befindet, gebaut. Diese Kapelle wurde ebenso der Hl. Barbara gewidmet, wie die Kapelle am Fahrriesboden. Um die kümmern sich die Gebirgsschützen und organisieren jedes Jahr eine Maiandacht.

Der Altar in der Knappenkapelle

Der Altar in der Knappenkapelle

In der Schmelzer Bergknappenkapelle dagegen gibt es eine besondere Monstranz, die im kirchlichen Sinne eigentlich ein Wettersegen ist, der ebenfalls der Hl. Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, gewidmet wurde. Sie sollte die Knappen vor Unglücken im Bergwerk und schlechtem Wetter schützen. Keßler sen. erzählt:  „Ich habe die Monstranz vor etwa vor acht Jahren in der TV-Sendung „Kunst und Krempel“ bewerten lassen. Sie wurde auf ca. 250 Jahre geschätzt.

 

„Sandreissen“ heute noch zu sehen

Insgesamt 96 Knappen schufteten im Bergwerk, wie Keßler weiter zurückblickt: „Es gab 76 Stollen, aufgeteilt in drei Reviere. Die größten Stollen waren der Barbara-Stollen und der Ewige Gang. Aus dem wertlosen Abbruchmaterial der Stollen entstand die sogenannte Sandreissen, die jetzt noch am Rauschberg zu sehen ist. Der Steinbruch wurde heraus transportiert und dann aufgeschüttet. Das in mühevoller Handarbeit heraus geschlagene, wertvolle Material  hingegen wurde über Rutschen zu Tal gebracht und verhüttet. Durch die Hitze der Verhüttung, die in der Nähe des jetzigen Gasthofes stattfand, lief das Erz aus den Steinbrocken.“ Ab 1677 stand der Blei- und Silbererzabbau in vollster Blüte – bis 1704 slawische Söldner des österreichischen Heeres – Tolpatschen und Haiducken – das Bergwerk plünderten.

Das Bergwerk wurde mühevoll wieder aufgebaut, aber als 1742 die Produktion wieder zum Laufen kam, fielen die Österreicher nochmals ein, plünderten die Bleivorräte und zerstörten die technischen Anlagen. „Trotz inständiger Bitten der Bergknappen wurde die Knappenstube, die oberhalb der Schmelz neben der Sandreissen lag, ein Raub der Flammen“, weiß Keßler sen. „Erst bei der Schlacht am Tolpatschenloch vertrieben die Bauern aus Inzell, Weißbach und Ruhpolding die Eindringlinge.“ Allerdings war das der Beginn des Untergangs des Bergwerkes.

Die "Sandreissen" entstand aus dem Abbruchmaterial der Stollen

Die „Sandreissen“ entstand aus dem Abbruchmaterial der Stollen

Mehrere Privatgesellschaften versuchten, das Rauschberger Bergwerk wieder rentabel zu bewirtschaften – ohne Erfolg. 1862 verkaufte der königliche Notar die ganzen Gebäude um 3700 Gulden; damals entstand für den Ortsteil, der früher „Rauschenberg“ genannt wurde, der Name Schmelz. „Keiner weiß, warum es plötzlich die Schmelz wurde; damals wurde Schmelz auch mit „ö“ geschrieben. Eine Vermutung ist natürlich, dass der Name vom Schmelzen kommt“, denkt der Altwirt.

Im Gemeindewappen: Schlägel und Eisen

Nachbau eines Stolleneingangs

Nachbau eines Stolleneingangs

Endgültig geschlossen wurde das Bergwerk 1924. Es war das Ende der 400-jährigen Bergwerkstradition, die Inzell geprägt hat wie keine andere Zeit, so Keßler: „Das Bergwerk hat als größter Arbeitgeber den Ort natürlich verändert. Schlägel und Eisen sind sogar immer noch im Inzeller Gemeindewappen verewigt.“ Die letzten Bergleute waren übrigens Sepp Strasser aus der Schmelz und Toni Geisreiter aus Inzell.

Franz Mittertrainer erwarb schon 1890 das Amtsgebäude der Bergwerksgesellschaft und begann – mit einer 100 Liter Pfanne – eine kleine Weizenbierbrauerei mit Schenke aufzubauen. „1957 haben meine Eltern den Gasthof in der Schmelz gekauft. Damals wurde das Weißbier im Lagerkeller mit Eis vom Froschsee gekühlt. Da mein Vater aber nichts vom Bierbrauen verstand, wurde die Brauerei aufgegeben und Zimmer ausgebaut“, blickt A. Franz Keßler zurück.

1965 wurden alle Stollen auf Weisung der Gemeinde von Pionieren gesprengt, um versicherungsrechtlichen Vorschriften Genüge zu tun. Zwei Stollen wurden „nur“ zugemauert, da der damalige Bürgermeister den Traum von einem Schaubergwerk am Originalschauplatz hegte und die Stollen nicht vollständig zerstören wolle.

Nachwuchs in Knappenkapelle getauft

Die Schmelzer Bergknappenkapelle, das Inzeller Kleinod, gehört zum Gasthaus dazu. „Die Kapelle wird von unserer Familie betreut und wurde 2008 grundlegend renoviert“, berichtet Keßler und schmunzelt: „Jeden Abend läute ich traditionell die Glocke um 17 Uhr – wann genau allerdings 17 Uhr ist, bestimme ich.“ Warum er sich so engagiert? „Es ist persönliches Interesse, weil das Gasthaus eben eine alte Geschichte trägt. 1958 habe ich eine Chronik bekommen und seitdem bin ich dabei. Ich habe 1994 zum Gedenken an die Bergwerkstradition neben der Kapelle einen Stolleneingang nachgebaut. Da war es Glück, dass ich vom Bergwerkmuseum in Bochum einen „Grubenhund“, also eine Lore (Transportwagen), bekommen habe.

Seine drei Söhne, sechs Enkel, ein Urenkel und der Bub seiner Schwester wurden in der kleinen, geschichtsträchtigen Kapelle getauft – das freut den „Mesner“ A. Franz Keßler, der seine Knappenkapelle täglich für ein stilles Gebet oder einen Besuch geöffnet hält.

Tipp

Die Knappenkapelle und der Gasthof Schmelz sind ein tolles Etappenziel auf der Salzalpentour Rauschberg-Kienberg. Die Bergtour überzeugt dabei nicht nur mit einem doppeltem Gipfelsturm, sondern auch mit kulturellen Highlights rund um den Bergbau am Rauschberg.


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2 Kommentare
  1. Peter Lausecker sagt:

    Das Zunftzeichen der Bergleute ist nicht Hammer und Schlegel, sondern Schlägel und Eisen. Vgl. Din 21900 ff.

    • Zsófia Höfler sagt:

      Hallo Peter, vielen Dank für deinen Kommentar, du hast Recht, wir haben das im Text geändert.
      Liebe Grüße aus dem Chiemgau,
      Zsófia Höfler

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