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Vom Schloss, das seinen Herren fand

Schloss Pertenstein im Chiemgau
Klaus Bovers

Auch im Chiemgau verheißen Überschriften wie diese Märchenhaftes, verweisen auf Ungewöhnliches oder versprechen zumindest ein bissl Spannung. Die neuere Geschichte vom Schloss Pertenstein an der Traun bietet das alles reichlich, besonders das Ungewöhnliche und das begann 1968.

Der gräfliche Besitzer aus dem Chiemgauer Geschlecht der Toerring-Jettenbach wollte das alte Gemäuer aus dem 13. Jahrhundert schon lange loswerden. Viele Jahrzehnte bereits stand es unbewohnt herum, hatte lange als Kornspeicher und nach dem Krieg als Flüchtlings-Unterkunft gedient, nun bröselte es still und langsam seinem Ende entgegen. Das Dach war undicht, Fenster, Türen und Treppen marode, sanitäre und elektrische Einrichtungen fehlten oder waren defekt und einen schiefen Turm hatte Pertenstein inzwischen auch.

Den hat der Musiklehrer Hans Lauber zwar täglich von seinem Klassenfenster in Traunwalchen aus gesehen, aber erst als eine Kollegin in der Pause zu ihm sagte „Der Turm fällt um“. „Welcher Turm?“ „Na der von Pertenstein“, trieb ihn die Neugierde Richtung Schloss. „Betreten verboten, Einsturzgefahr!“ „Schade, das ist etwas, was wirklich niemand will“, dachte er sich und machte kurz darauf den Deal seines Lebens. Der Bürgerliche Hans Lauber wurde Herr über das rund 700 Jahre alte Schloss Pertenstein an der Traun. „Für fünf Mark können Sie es haben“, hatte der Domänenverwalter die Verhandlung begonnen, die dann nicht lange dauerte. Nach einem Jahr auf Probe begann die Erbpacht, die vorerst bis 2076 läuft; aus den fünf Mark jährlich sind heute umgerechnet fünfzig geworden, denn zu den 700 Quadratmetern Schloss ist inzwischen noch die gesamte Hofmark mit zahlreichen Gebäuden und rund 16 Hektar Grund dazugekommen.

Michael Altinger auf der Bühne im Schloss

Michael Altinger auf der Bühne im Schloss

Zu dem mustergültig restaurierten und ergänztem Gesamtkomplex gehören eine Kapelle, zahlreiche Stallungen, Wirtschaftsgebäude, die Reitschule einer seiner vier Töchter und vor allem der „Marstall“. So nennt der Schlossherr das weitläufige Gewölbe der ehemaligen Großstallung und Wagenremise. Über diesem im Chiemgau einmaligen Baudenkmal betritt man die Theaterfabrik, eine moderne Bühne und das eigentliche Herz des heutigen Kultzentrums Schloss Pertenstein. Ihr Programm ist zwischen München und Salzburg nicht mehr wegzudenken, hier spielen Theater, Musik und Kabarett das ganze Jahr über eine gleichwertige Rolle, von den Orff-Tagen über Jugend-Blasorchester bis zum Kabarett-Star Michi Altinger. Der Schlossherr legt aber Wert darauf, dass neben den Profis auch diejenigen hier auftreten, „die nirgends hinkönnen, weil sie überall Miete zahlen müssen. Die haben bei mir einen Freiraum, das war meine Zielsetzung bei der Kultur!“

Apropos Zielsetzung: Gehen wir zurück an den Anfang vor rund fünfzig Jahren und fragen den Schlossherren. Da wird es nun zum zweiten Mal ungewöhnlich, zumindest aus der heutigen Sicht mit ihren Masterplänen und Businessmodellen. Zielsetzung? „Aus einer Ruine ein Schloss zu machen ist kein Kunststück, aber ein funktionierendes Schloss…also kommt erst mal das Wichtige, dann das Mögliche und danach wird das Unmögliche auch möglich!“ So fasst Hans Lauber seine Einstellung zu den 50 Jahren Arbeit am Schloss zusammen. Das Kompliment, dass er dafür offenbar genau der richtige Motivator gewesen sei, wehrt er bescheiden ab.

Schlossmauer im Chiemgau

Schlossmauer Pertenstein

„Das bin gar nicht ich! Es ist das Schloss, das hat einen bestimmten Magnetismus! Ich habe außerdem nie gesagt, das gehört jetzt mir, sondern ich habe gesagt, das gehört jetzt uns!“ Mit „Uns“ meint der eher selbstbewusste als bescheidene Motivator die zahllosen Helfer und Mitstreiter, mit denen er seinerzeit den Verein „Heimatbund Schloss Pertenstein“ gründete, der Begeisterte und handwerklich Fähige gleichermaßen „magnetisch“ anzog. Hans Lauber verstand es außerdem, sich mit Klugheit und Geschick die Denkmalpfleger im München gewogen zu machen. Gegen diese „meine oberste Baubehörde“ hatten örtlichen Ablehnungen bei Bauanträgen, von denen es über die Jahre viele gab, wenig Chancen.

Die „Schloss- und Gutsverwaltung Pertenstein“ führt heute Elisabeth Müller, Hans Laubers Lebenspartnerin. Um dem Schloss neues Leben einzuhauchen, haben beide manches Experiment gewagt, unter anderem auch so etwas wie Ritterspiele.Doch irgendwie hat das Spektakel nicht recht in den Chiemgau gepasst und wurde nicht fortgesetzt. Heute ist Pertenstein neben seinem Kultur– und Eventangebot auch als „Hochzeitsschloss“ bekannt: Trauung in der Schlosskapelle, Sektempfang im Renaissance-Schlosshof, Festmahl im Fürstenzimmer und Himmelbett in romantischer Braut-Suite.

Eingang Schloss im Chiemgau

Eingang Schloss Pertenstein

„Ein wenig nobel und ein bisserl lescheer“ ist dafür das Motto. Eher „lescheer“ lässt es der Schlossherr vom Jahrgang 1935 jetzt auch für sich persönlich laufen. Elisabeth hat alles im Griff, die Theaterfabrik hat eine Top-Leitung und richtig viel Erfolg, so kann er mit Gelassenheit und Lust dem ganzen Treiben aus der Distanz zuschauen. Zum dritten Mal wird es auf Pertenstein ungewöhnlich – dass ein Macher dieses Formats einfach so loslassen kann? Allerdings „wenns mal brennt“ hat er es schon gern, dass man ihn holt. Am wohlsten ist ihm, dem humanistisch gebildeten, der im Gespräch gerne Seneca und Sokrates zitiert, wenn er die Reitschule mit den Kleinsten beobachten kann und der Gutshof von fröhlichem Kinderlachen widerhallt. Das gibt ihm das Gefühl, dass es ganz sicher irgendwie weiter geht.

Neues Leben in die alten Gemäuer hat Hans Lauber auf alle Fälle gebracht, und dafür viel seiner Lebenszeit investiert. Ein Engagement, für das er 2015 mit dem Max-Fürst-Preis ausgezeichnet wird. Der „Historischen Verein für den Chiemgau in Traunstein e. V.“ verleiht ihm den Preis „für hervorragende Leistungen in der Heimatforschung und Heimatpflege“.

Schloss Pertenstein im Chiemgau
Tipp

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1 Kommentar
  1. Wundervolle Geschichte, die dem Ort und seiner speziellen Magie gerecht wird. Schöne stimmungsvolle Winterbilder vom bezaubernden Törring-Gemäuer! Danke für dem Reminder an diesen famtastischen Ort!

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