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Bauernhofmuseum Kirchanschöring: ein Mann und seine Vision

Das Gesicht hinter dem Bauernhofmuseum Kirchanschöring
Manuela Jaud

Franz Huber ist nicht nur Bauer. Er ist seit 40 Jahren Heimatforscher und ein leidenschaftlicher Sammler. Diese Passion trieb ihn vor 33 Jahren dazu ein privates Bauernhofmuseum zu eröffnen. Wie er ein ganzes Bauernhaus versetzte und warum der alte Backofen auch heute noch angeheizt wird, erzählt er bei einer spannenden Führung auf seinem Hof. 

Die Liebe zur Heimat

Bauernhofmuseum Chiemgau Bayern

Das Bauernhofmuseum in Kirchanschöring ist ein wahres Erlebnis in Bayern

Zusammen mit der Besuchergruppe besichtigen wir das Bauernhofmuseum in Kirchanschöring von Franz Huber. Am Hof angekommen huscht ein kleines rotes Kätzchen schnell in den Stall. Schon am Parkplatz hören wir Klopfen und Holzgeräusche. Auf der anderen Seite des Stalls ist der Bauer Franz Huber schon fleißig am Werkeln. Er begrüßt uns mit einem freundlichen Lächeln und erklärt uns, dass er gerade ein „Martal“ restauriert. Diese hölzernen Kruzifixe an Wegesrändern verwittern mit der Zeit. Doch der handwerklich begabte Rentner nimmt sich ihrer an und bringt sie wieder in Form. Er ist nämlich nicht nur Bauer im Chiemgau, sondern auch Ortsheimatpfleger und seit 27 Jahren Vorstandsmitglied des Heimatvereins Kirchanschöring. „Das ist nicht nur eine Arbeit, das ist eine Aufgabe – eine sehr schöne“, so Herr Huber. 

Der Weg vom Bauernhaus zum Bauernhofmuseum 

Schlafgemach des Bauernhofmuseums Kirchanschöring im Chiemgau

Im ersten Stock befindet sich ein originalgetreue Schlafzimmer aus den 1920er Jahren

Der Museumsgründer ist einfach begeistert von seiner Heimat, der regionalen Kultur und deren Geschichte, was ihn anspornte bäuerliche Einrichtungsgegenstände und landwirtschaftliche Arbeitsgeräte zu sammeln. Eines seiner Prunkstücke ist das Haus vor dem wir stehen: Dieses alte Bauernhaus aus Holz hat er 1979 erworben und mit diversen Nebengebäuden zum Bauernhofmuseum Kirchanschöring gemacht. Einfach war dieses Unterfangen nicht. Denn das Holzhaus stand damals noch nicht hier, sondern in Hötzing – einem sieben Kilometer entfernten Ort.

Alte Küche beim Bauernhofmuseum Kirchanschöring

In dieser Küche verbrachte die Bäuerin viele Stunden um hungrige Mäuler zu sättigen

Das Bauernhaus wurde in seine Einzelteile zerlegt und dann neben seinem Hof wieder aufgebaut. Ein extrem umfangreiches Projekt, wenn man bedenkt, dass das Gebäude davor genauestens vermessen und jede Einzelheit beschriftet werden musste. Wie zum Beispiel der wellige Steinboden, der originalgetreu rekonstruiert wurde. Bauer Huber hat mit seinen Helfern das Haus wieder genau so zusammengebaut, wie es einmal war. 

 

 

Ein Ausflugsziel in Bayern in der Hand einer Familie

Mir brennt nun eine Frage im Herzen: Wie alt ist dieses Bauernhaus überhaupt? Herr Huber erzählt uns, dass er das Alter aufgrund der genauen Datierung auf der Blockbauwand herausfand. Er zeigt uns die Stelle und als ich das Jahr 1811 erkenne, bin ich einfach verblüfft. Ich befinde mich in einem Haus, das schon 200 Jahre existiert! Das bringt den emsigen Sammler dazu euphorisch über seine eigene Familiengeschichte zu erzählen. Wir erfahren, dass sich diese auf dem Bauernhof bis nach 1640 zurückverfolgen lässt. Dazu kommt, dass Herr Huber genauestens über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Zeitspanne Bescheid weiß. Zum Beispiel, welcher Bischof für welchen Hof zuständig war, warum oder wann Bayern zu Salzburg gehörte und welche Auswirkungen das für den Bauernstand hatte. Seine enthusiastische Art reißt uns mit und regt unsere Vorstellungskraft an. 

Die Vergangenheit erwacht zum Leben

Flachs Kirchanschöring

Früher verwendeten die Bauern vermehrt Flachs zur Leinenerzeugung

Gespannt lauschen wir den Ausführungen von Franz Huber. Es ist schon erstaunlich: Nach nur einer kurzen Weile befinden wir uns nicht mehr im Hier und Heute, sondern tauchen in eine völlig andere Welt ein. Eine Welt von damals. Die Welt einer Bauernfamilie. Wie sie lebten und wie sie arbeiteten. Diese Welt ist zum Greifen nahe, denn ich kann förmlich spüren, wie anders das Leben gewesen ist. Wir sind es gewohnt die Heizung aufzudrehen, wenn es kalt ist, die Waschmaschine einzuschalten, wenn die Wäsche sauber werden soll oder im Supermarkt alles mögliche einzukaufen. Doch vor nicht allzu langer Zeit mussten die Menschen mit dem auskommen, was sie besaßen. Die Bauern verwendeten alles, was sie nur konnten: aus Milch wurde Butter oder Käse, aus Flachs wurde Leinen, aus Getreide Brot, aus dem Leder einer geschlachteten Kuh wurden Schuhe, und so weiter.

Das Bauernhofmuseum verfrachtet das Gestern ins Heute

In den Nebengebäuden des Bauernhofmuseum lebt die Vergangenheit erneut auf. Rechts befindet sich ein doppelstöckiger Getreidekasten aus dem Jahre 1594. Links steht ein „Zehent-Getreidekasten“, der 1665 erstmals erwähnt wurde. Beiden gemein ist nicht nur das hohe Alter, sondern auch deren Bauweise. Das sogenannte „Schatzhaus des Bauern“ diente nämlich zur Aufbewahrung des gedroschenen Getreides. Damit keine Schädlinge eindringen können, verwendete man – im Gegensatz zum eigenen Bauernhaus – nur das beste und qualitätsvollste Holz. Dieses hackten und hobelten die Handwerker per Hand zurecht und platzierten es so, dass der Kasten komplett „dicht“ war. Ich erinnere mich, dass ich in der Schulzeit von Abgaben der Bauern oder Leibeigenen an den Lehensherrn im Lehrbuch las. Doch diese Fakten waren nie wirklich greifbar. Heute ist das anders. Ich stelle mir vor, wie jeden Tag, jede Woche Getreide, Eier, Vieh und wer weiß was noch alles gesammelt und abgegeben werden mussten. Viel hatten die Leute damals ja nicht und wehe, wenn die Ernte einmal schlecht ausfiel. All diese Gedanken schwirren in meinem Kopf herum und ich befinde mich mitten drin, in der Vergangenheit. Insgeheim denke ich mir: „Das ist wirklich ein Tagesausflug der anderen Art.“

Dampfdresch-Fest beim Bauernhofmuseum

Dampfmaschine im Bauernhofmuseum Chiemgau

Franz Huber führt jährlich das Dampfdreschen mit dieser englischen Dampfmaschine vor

In der Wiese des Bauernhofmuseums steht ein weiteres Häuschen. Es ist das Waschhaus samt Backofen. Bauer Huber erzählt uns, dass hier sogar heute noch Brot gebacken wird. Beim alljährlichen Dampfdresch-Fest bietet die Familie unter anderem selbstgebackenes Brot mit Speck an. Die Veranstaltung findet seit 1976 statt, bei der Franz Huber den Besuchern das Dampfdreschen mit einer englischen Dampfmaschine vorführt. Sie ist das Paradestück seiner riesigen Sammlung an landwirtschaftlichen Arbeitsgeräten.

 

Brot backen im Bauernhofmuseum Kirchanschöring

Der Backofen wird auch noch bei einem anderen Projekt angeheizt. Bei der Aktion „Das Brot muss wachsen“ erleben circa 40 Kinder der Volksschule Kirchanschöring den Prozess des Brotbackens hautnah mit. Jedes Kind baut im Frühjahr sieben Quadratmeter Roggen an. Später erntet Herr Huber mit seinen Helfern das Getreide ganz traditionell mit der Sense. Gleichzeitig helfen die Kinder mit, indem sie Garn binden und den Roggen trocknen. Beim Dampfdresch-Fest sehen sie mit eigenen Augen, wie man das Getreide in der Zeit um 1920 weiterverarbeitete. Im Herbst kommt die Schulklasse noch einmal zum Huber Hof und wird in das Brotbacken eingeweiht. Sie kneten den Sauerteig unter und nehmen zum Abschluss ein Pfund selbstgebackenes Brot mit nach Hause. „Wir wünschen uns, dass mehr Gemeinden dieses Projekt in den Schulen starten. Es ist ein einmaliges Erlebnis, bei dem die Kinder in Bayern von Anfang bis Ende erleben, wie Brot entsteht. Gleichzeitig bringen wir ihnen auch noch Geschichte und Tradition näher.“, so Franz Huber. 

Mit dem Bauernhofmuseum bayrische Kultur bewahren

Dieser Besuch am Huber Bauernhof in Bayern ist ein wahres Erlebnis für Groß und Klein, Alt oder Jung, Familien oder Gruppen. Die genaue Dokumentation des emsigen Treibens vergangener Generationen und die enthusiastische Art von Franz Huber machen dieses Ausflugsziel in Oberbayern zu einem ganz besonderen Museum. „Mir ist es einfach ein Anliegen, dass das Wissen von damals nicht verloren geht, sondern für die Nachwelt bewahrt wird“, sagt der Museumsleiter. Und das hat er erreicht: Sein Lebenswerk, ein mühevoll eingerichtetes Bauernhofmuseum, bleibt noch vielen zukünftigen Generationen erhalten. Wer wissen will, warum Schafwolltextilien meist grau sind oder Italiener Lehm mit den Füßen gemischt haben, der kann sich mit einer Gruppe von 15-20 Personen zu einer Führung bei Herrn Huber anmelden. Dann werden die Besucher auch vor einem unbekannten Gerät stehen und rätseln, wenn Franz Huber schmunzelnd fragt: „Was bin ich?“. Dieser eintägige Urlaub auf dem Bauernhof bleibt ganz bestimmt lebhaft in Erinnerung! 

Mittelalter Zehentkasten beim Museum in Bayern
Tipp

Jedes Jahr am letzten Sonntag im August lädt Franz Huber zum traditionellen Dampfdreschen auf seinen Hof ein! Dabei erfahren Sie, was es mit dieser alten Technik auf sich hat. Als Schmankerl gibt es selbstgebackenes Brot mit Speck!

 


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