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Julius Exter und die Hüterin seines Erbes

Datum: 23. Mai 2017 . Autor: Dorothea Steinbacher . Kategorie: Kultur . Museen . Region . Tier- & Pflanzenwelt . Übersee
Dorothea Steinbacher

„Herzlich willkommen!“ – die sonst so kräftige Stimme von Monika Kretzmer-Diepold ist an diesem sonnigen Sommertag schon etwas angeschlagen. Viele Kunst- und Gartenfreunde sind heute schon nach Übersee gekommen. An der blumenumrankten Haustür des Künstlerhauses Exter begrüßt die Leiterin des Hauses jeden Besucher persönlich, bittet um ein Eintrittsgeld von 1,50 Euro – „das kommt selbstverständlich dem Exter-Haus zugute“ – und versichert gleich darauf: „Wenn Sie das nächste Mal kommen sagen Sie, Sie waren schon mal da, dann müssen Sie nichts mehr bezahlen. Ich merk Sie mir schon.“ Eine beneidenswerte Gabe – tatsächlich höre ich: „Ah – an Ihr schönes Blumenkleid von letzter Woche erinnere ich mich!“

Im Exterhaus werde ich herzlich begrüßt

Klar – es war das Blumenmuster, das ihre Aufmerksamkeit erregt hat. Zwei große Leidenschaften von Monika Kretzmer-Diepold sind unübersehbar: ihre Verehrung für den Maler Julius Exter und ihre große Liebe zum Garten und zu den Blumen. Seit 36 Jahren hütet sie das ehemalige Wohn- und Atelierhaus des Malers Julius Exter in Übersee am Chiemsee, sie wohnt im Haus, führt die Besucher, und pflegt den Garten nicht nur, sie hat ihn seinerzeit komplett neu angelegt.

Landschaftsbild des Malers

Landschaftsbild des Malers

Der Maler Julius Exter (1863-1939) wurde schon von seinen Künstlerfreunden „der Farbenfürst“ genannt. Wer seine Bilder betrachtet, weiß warum. Exter löst sich sehr schnell aus der Historienmalerei und vom Symbolismus seiner Zeitgenossen, er malt zunehmend impressionistisch und schafft schließlich ein umfangreiches expressionistisches Spätwerk. Die Natur um den Chiemsee herum, um Übersee und die Feldwies und sein Garten – sie bilden die bevorzugten Motive in seiner reichen Schaffensphase im Chiemgau. Blumen, Blumen, Blumen. Wiesen, Bäume, der Überseer Bach, aber auch Menschen in der Natur: im Garten, im Wald, am See. Wer direkt vor einem Bild steht, sieht oftmals nur viele leuchtend bunte Farbflecken nebeneinander. Erst wenn man die Bilder mit mehr Abstand betrachtet, stellt sich Verblüffung und dann Bewunderung ein: Wer außer Exter schafft es, eine Lichtstimmung, eine Gewitterwolke, ein Blütenmeer in der Sommersonne mit ein paar Strichen so einzufangen, dass man sich fast hineinversetzt fühlt in den Moment? „Nicht so nah hingehen!“ ist auch ein Rat, den Monika Kretzmer-Diepold ihren Besuchern mitgibt, wenn sie sich auf den Weg durchs Haus machen. „Exter-Bilder“, sagt sie, „brauchen Abstand“.

Atelier im Heuboden des Strickerhäusls

Das Atelier im Exter Haus

Das Atelier im Exter-Haus

Unten im Hausgang hängen kleine Ölbilder, fast wirken sie wie Skizzen – jedenfalls im Freien gemalt, in der Natur. „En plein air“, wie die französischen Maler des 19. Jahrhunderts sagten, die großen Vorbilder der deutschen Freilichtmaler. In seinem Atelier hat Exter die größeren Bilder geschaffen, es bildet bis heute das Herz des Hauses. Hell und freundlich, mit einem riesigen Atelierfenster, beherbergt es heute 34 Originalwerke Exters, die die wichtigsten Sujets widerspiegeln – Landschaft, Akt, Portrait, Interieur, Stillleben. Antiquarische Bücher liegen dort auf, man kann sie kaufen, ein schöner alter Tisch mit Stühlen lädt die Besucher zum Ausruhen ein, man kann die Bilder – und den Exter-Film, der dort läuft – in Ruhe betrachten. „Da würde ich auch gern wohnen!“ ist ein oft gehörter Ausruf.

Das Exter Atelier

Das Exter-Atelier

Julius Exter, aus einer Pfälzer Kaufmannsfamilie stammend, ging zur Ausbildung nach München – damals ein Sammelbecken von Künstlern aus ganz Europa. Ab 1898 verbringt Exter mit seiner Frau Anna die Sommer in Übersee. Dort malt er mit seinen Malschülern, dort kommt 1900 auch seine Tochter Judith zur Welt. 1902 kauft Exter das 1554 urkundlich erwähnte Strickerhäusl – die früheren bäuerlichen Familien lebten von der kleinen Landwirtschaft und vom Stricken – das heutige Exter-Haus. In den nächsten Jahren lässt Exter umbauen: Der Heuboden wird zum Atelier, und für die Gartenanlage kauft er groß ein, unter anderem „10 Rosenstangel, 100 Himbeerstauden, 30 Johannisbeeren…1 Blutbuche“. Letztere steht bis heute!

Ein bunter Chiemgauer Blumengarten

Wir verlassen das Haus und wandern nun durch den Garten, schwelgen in den Farben der Blüten, wie es Exter wohl einst getan hat. Monika Kretzmer-Diepold hat den seinerzeit brachliegenden Garten neu angelegt, nach einem alten Plan aus Exters Zeiten, der in einem Erdgeschoß-Zimmerchen ausgestellt ist, nach Gemälden, Fotos und Notizen im Ausgabenbuch des Künstlers. Johannisbeeren bilden die Begrenzung vor dem Zaun, aber im Zentrum steht der Staudengarten mit dem Blumenweg, das Motiv vieler Exter-Bilder. „Ein Paradies“, schreibt ein Zeitgenosse Exters, „ist dieser Garten deshalb, weil er weder gekünstelt noch abgezirkelt, sondern ganz in den Rahmen der Landschaft hineingestellt ist, ein bunter Chiemgauer Blumengarten.“ Und das ist er heute wieder: Im Frühsommer blühen Rosen, Rittersporn und die ersten Cosmeen, im Hochsommer dominieren die leuchtenden Dahlien das Bild, Phlox, Indianernessel, Zinnien, Tagetes, Spinnenblumen. Ein Traum für GartenfreundInnen. Monika Kretzmer-Diepold betreut und finanziert ihr Hobby selbst – die Bepflanzung des 240 Quadratmeter messenden Staudengartens ebenso wie ihre über 1 500 Töpfe rund ums Haus mit Geranien, darunter seltene Arten, Fuchsien, einer Galerie von Zitrusgewächsen sowie Topf- und Kübelpflanzen aus allen Erdteilen. Ihr Opa, erzählt sie, war königlicher Oberhofgärtner beim Prinzregenten. Gartenliebe ist offenbar vererbbar.

Den eigentlichen Ausschlag für ihren Einsatz zur Rettung und Bewahrung des Exter-Hauses gab aber die Nachbarschaft der kleinen Monika Diepold aus Übersee zu Judith Exter, der Malertochter. Eine geheimnisvolle, hagere alte Frau war Judith damals, die den Bilderschatz ihres Vaters hütete und nach einem entbehrungsreichen Leben endlich erreicht, dass sich der Freistaat Bayern des Erbes annimmt. 1975 stirbt Judith Exter. Seit der Eröffnung des Hauses als Museumsgalerie am 1. Juni 1980 wacht Monika Kretzmer-Diepold über Haus, Garten und das Andenken an den Farbenfürsten Julius Exter. Sie organisiert in jedem Sommer eine neue Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Schlösserverwaltung, die über rund 1 000 Originalwerke aus dem künstlerischen Nachlass Exters verfügt.

Geöffnet ist das Exter-Haus in Übersee (Blumenweg 5, Tel. 08642/89 50 83) jedes Jahr etwa von Pfingsten bis zum zweiten Sonntag im September, täglich außer Montag von 17-19 Uhr.

Tipp

Weitere über 100 Exter-Bilder aus dem Besitz des bayerischen Staates sind jedes Jahr von 1. April bis 31. Oktober in einer großen Dauerausstellung im Alten Schloss auf der Herreninsel zu sehen.


Datum: 23. Mai 2017 . Autor: Dorothea Steinbacher . Kategorie: Kultur . Museen . Region . Tier- & Pflanzenwelt . Übersee
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