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König Ludwig I. war scharf auf Tacherting

Datum: 7. November 2015 . Autor: Judith Schmidhuber . Kategorie: Kirchen & Schlösser . Kultur . Museen . Orte . Region . Seeon-Seebruck-Truchtlaching . Tacherting
Heimatmuseum Tacherting im Chiemgau
Judith Schmidhuber

Im Jahre 60 nach Christus war der ganze Chiemgau von Römern besetzt. Ohne Ausnahme. Es gab weder Asterix noch Obelix. 2000 Jahre später halten deren Hinterlassenschaften den Tachertinger Heimatverein wieder auf Trab. Denn immer wieder mal kommen neue Fundstücke zum Vorschein, die eindeutig den Römern zuzuordnen sind. Und die liefern spannende Erkenntnisse. Statt eines aufständischen Dorfs in Gallien gab es im damaligen „Noricum“ Orte, an denen sich die Römer gerne aufhielten. Entlang der Handelswege, inmitten fruchtbarer Umgebung und nahe eines Flusses. Im Alztal war das in der heutigen Gemeinde Tacherting der Fall.

Römische Fundstücke rund um die „Villa Rustica“

Ein Modell der Villa Rustica im Heimatmuseum Tacherting im Chiemgau

Ein Modell der Villa Rustica im Heimatmuseum Tacherting

Auf den ersten Blick sehe ich davon gar nichts. Auf den zweiten – auch nicht. Ich stehe an einem Feld auf einer kleinen Anhöhe nordwestlich von Tacherting. Und hier sollen Römer gehaust haben? Die Gedenktafel an einer Säule weißt auf die Überreste eines römischen Gehöfts hin. „Hier stand die Villa Rustica“, erklärt mir Christian Rieder. Dem Vereinsvorsitzenden mit dem auffälligen Schnurrbart hat es die Römergeschichte seiner Heimatgemeinde angetan. Und nicht nur ihm. Regelmäßig treffen sich hier Mitglieder des Vereins zu Flurbegehungen. Vorzugsweise dann, wenn der Bauer das Feld frisch gepflügt hat. Der Pflug fördert nämlich allerlei Römisches zu Tage: Gewandspangen etwa, sogenannte Fibeln. Auch schon mal Münzen aus Bronze und Silber, auf denen römische Kaiser abgebildet sind. Außerdem Nieten und Schnallen, Messer und Glocken, Schlüssel und Mosaiksteinchen wurden über viele Jahre von den Vereinsmitgliedern gefunden. Alles wird gereinigt, datiert und im Tachertinger Heimatmuseum ausgestellt. Dort ist mittlerweile eine ansehnliche Sammlung entstanden.

Heimatmuseum zeigt die ganze Römergeschichte

Das Reich des Vereins befindet sich im Keller der Grundschule. Hier sehe ich auch das bedeutendste Fundstück: ein im Ganzen erhaltenes römisches Mosaik. Wobei es nach heutigen Begriffen nicht besonders prunkvoll aussieht: Für mich sind das lauter kleine quadratische Steinwürfel in unterschiedlichen Schattierungen. Es hat den Fußboden der Villa geziert. „So etwas gab es damals nur in Häusern von wohlhabenden Römern“, sagt Christian Rieder. „Deshalb gehen wir davon aus, dass es ein wichtiger Mann war, der hier gewohnt hat.“ In der Villa Rustica gab es für damalige Verhältnisse luxuriösen Komfort, etwa eine Heizung und farbig gestaltete Wände. Ein Modell, wie der Gutshof ausgesehen hat, ist ebenfalls im Museum ausgestellt. Ich frage mich, woher man das so genau weiß und bekomme prompt eine Antwort: „Die Fundamente sind immer noch im Boden. Man lässt sie auch dort, weil das die beste Konservierung ist.“

Herrscher schmückten sich mit antiken Überresten

Vor 200 Jahren hat man noch nicht so weit gedacht. Die ersten Funde von Lohen sind auf 1807 datiert. Zwei Jahre später fanden an der Stelle erstmals Grabungen statt. Und die hat niemand Geringeres als König Ludwig I. angeordnet. Wieso der ausgerechnet auf Tacherting kam, weiß Christian Rieder ganz genau. „Er wollte sich mit antiken Überresten schmücken. Das war die Zeit, in der man in Italien Pompeji und Herculaneum entdeckt hat. Napoleon schickte damals auch seine Truppen nach Ägypten – und außerdem den ersten Archäologen überhaupt.“ Tacherting und Lueg bei Salzburg waren die größten Projekte von König Ludwig I. Rühmen konnten sich der König und sein Baumeister Leo von Klenze mit Tacherting in der Tat: Immerhin handelt es sich um Bayerns ergiebigsten Mosaikenfund. Insgesamt hat man zehn verschiedene Mosaikböden in Lohen ausgegraben. Auf einem stand „CVPITVS“. „Das wird der Besitzer des Gutshofs gewesen sein“, vermutet Christian Rieder.

Römische Steine in Bauernhöfen verbaut

Säule des König Ludwig im Chiemgau

Säule des König Ludwig

Geärgert haben wird sich König Ludwig I. dennoch: Weil eigentlich hätte er sich in der Erde große Statuen zu finden erhofft. Mit denen hätte er in Herrscherkreisen angeben können. Die gab es hier natürlich nicht. Sonst hätte man sie ja längst entdeckt. 1828 ließ der Regent die gesamten Grundmauern der Villa Rustica freilegen. Davon ist heute nichts mehr übrig – Baumaterial konnten die Bauern damals wohl gut brauchen. Als Erinnerung ließ König Ludwig aber wenigstens eine Säule errichten. Bei der Einweihung soll er sogar anwesend gewesen sein. Die Inschrift lautet: „HIER WURDEN IN DEN JAHREN MDCCCIX, MDCCCXI, MDCCCXXVIII UND MDCCCXXXIX GRUNDMAUERN ROEMISCHER GEBAUDE MIT WAERMELEITUNGSROHREN UND MOSAIKENFUSSBOEDEN ENTDECKT.“ Die originale Säule befindet sich heute in der Grundschule – geschützt vor Verwitterung. In Lohen ließ die Gemeinde voriges Jahr ein Duplikat errichten. „Es gibt viele Höfe in der Umgebung, in denen die Steine der Villa Rustica verbaut wurden. Vom Türstock im Seebrucker Römermuseum Bedaium etwa weiß man, dass er von unserer Villa Rustica stammt.“ Glücklicherweise gibt es aber Aufzeichnungen, so dass man zwar weiß wie groß die Gebäude waren. Lediglich der genaue Standort lässt sich nur vermuten.

Rätselhaftes Verschwinden der Mosaike

Eine Rechnung bleibt außerdem noch offen: Wenn von zehn Mosaikböden die Rede, aber nur einer im Heimatmuseum ausgestellt ist – wo sind die restlichen neun? Da zuckt Rieder mit den Schultern. „Das wird ein Rätsel bleiben. Sie hätten nach München gebracht werden sollen. Wahrscheinlich wollte sie Leo von Klenze dort verbauen. Vermutlich sind sie nie angekommen. Es könnte sein, dass sie gestohlen wurden. Oder sie wurden eingelagert und im Zweiten Weltkrieg zerbombt. Da gibt es viele Theorien.“ Eine andere Frage ist außerdem, ob ein Mosaik im Ganzen eine ruckelige Kutschfahrt über 100 Kilometer überhaupt hätte überstehen können – damals gab es ja keine anderen Fortbewegungsmöglichkeiten. Fest steht jedenfalls, dass sich nach dem Abdanken König Ludwigs I. lange Zeit niemand für die Tachertinger Villa Rustica interessierte.

Keine Grabung mehr seit 1950

Die wertvollen Funde des Heimatmuseums im Chiemgau

Die wertvollen Funde des Heimatmuseums

Weil man die Fundamente im Boden unter Lohen schlummern lässt, aber immer wieder kleine, quadratische Steinchen zu Tage kommen, dürfte aber klar sein, dass es mehr als zehn Mosaike waren. Christian Rieder kennt die Geschichten, die darauf schließen lassen: „Da gibt es einen Bauern, der 1920 einen Birnbaum ausgraben wollte. Dabei hat er ein Mosaik gefunden. Weil es keinen interessierte, hat er es einfach wieder zugeschüttet. Ein paar Jahre später beim Obstbaumpflanzen kam ein guterhaltenes Mosaik zum Vorschein und das meldete der Bauer. Das Landesamt für Denkmalpflege wollte dann einen Sachbearbeiter schicken. Der kam aber erst, nachdem Bodenfrost das Mosaik zerstört hatte.“ Das im Heimatmuseum ausgestellte Mosaik stammt übrigens von einer Grabung im Jahr 1950, damals angeordnet von der Stadt Trostberg. Später gab es keine Grabungen mehr – es wird sie wohl auch nicht mehr geben. In den letzten Jahren hat es sich der Heimatverein um Christian Rieder und Stefan Mödl zur Aufgabe gemacht, die römische Frühgeschichte des Orts genauer zu durchleuchten. Die Hobbyhistoriker werden also weiter Fundstücke sammeln und forschen. Um das ein oder andere Geheimnis zu lüften, dass sich unter der Tachertinger Erde verbirgt.

Museum Tacherting im Chiemgau
Tipp

Das Museum öffnet in der Wintersaison ab 1. November jeden ersten Montag im Monat von 16 bis 18 Uhr. Führungen können telefonisch unter 01751895490 vereinbart werden. Das Museum befindet sich im Kellergeschoss der Grundschule Tacherting in der Altöttingerstraße 6.


Datum: 7. November 2015 . Autor: Judith Schmidhuber . Kategorie: Kirchen & Schlösser . Kultur . Museen . Orte . Region . Seeon-Seebruck-Truchtlaching . Tacherting
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