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Drehorgelbauer: Hier geht Musik im Handumdrehen!

Datum: 12. November 2014 . Autor: Klaus Bovers . Kategorie: Grassau-Rottau . Kultur . Museen . Orte . Region . Tradition & Handwerk
Klaus Bovers

Der Drehorgelbauer Alois Blüml in Grassau

Gehört hatte ich schon von ihm, auch sein kreisrundes Hinweisschild hatte ich im Vorbeiradeln immer wieder mal gesehen, doch jetzt wollte ich endlich genau wissen warum am Zacherlhof in meiner Nachbarschaft jemand ausgerechnet Drehorgeln baut. Alois Blüml, Drehorgelbauer zu Grassau, letzter seiner Zunft – der Sache wollte ich auf den Grund gehen. Auch weil ich gerade an einem Buch über besondere Menschen und Plätze im Chiemgau arbeitete.

Das Hinweisschild am Straßenrand zum Drehorgelbauer

Das Hinweisschild am Straßenrand zum Drehorgelbauer

Die Drehorgel ist nun wirklich alles andere als typisch für den Chiemgau, auch nicht für Bayern und für die heutige Zeit schon erst recht nicht. Das Treffen versprach also interessant zu werden. Ich gehe erst einmal um die Wetterseite vom Zacherlhof herum, zwischen Schuppen und Hof eine Fahrspur durchs Gras, viel Grün an der Hauswand und Blumen wohin ich schaue, alles wohltuend ungeschleckt. Die Haustür steht halb offen und neben der Glocke am Lederriemen der Hinweis „Bitte stark läuten!“. Nichts unpassend Elektrisches also, Drehorgeln gehen ja auch nur im Handbetrieb.

Auf dem Weg zur Tür habe ich Dinge gesehen, die nicht unbedingt auf einen Handwerker hindeuten, unterm südlichen Vordach dreht sich z.B. ein silberner Stern aus lauter Tetraedern, habe ich es hier mit einem Alternativen oder gar Esoteriker zu tun? Der ältere, weißhaarige Herr strahlt bei der Begrüßung freundliche Offenheit aus und ich weiß auf den ersten Blick, der hat etwas zu erzählen. Der zweite Blick geht nach unten und entdeckt einen Stolperstein vor dem Eingang mit dem Spruch „Das Ziel ist im Weg“; jetzt bin ich beruhigt, hier wohnt ganz sicher ein heiterer Philosoph. Gleich draußen am Tisch bei der Hausbank gibt’s Kaffee.  Schnell wird klar, wir sind auf einer Wellenlänge, was auch bei Leuten aus der selben Generation nicht immer selbstverständlich ist.

Warum also ausgerechnet Drehorgeln? Zufall!

Ein „Original Blüml-Nachbau“

Ein „Original Blüml-Nachbau“

Aus dem Chiemgau kommt er, und man hört es ihm auch an. Warum also ausgerechnet Drehorgeln? Wie so oft im Leben war’s der Zufall, denn gelernt hatte der Zweitgeborene eines Großbauern aus der Gegend um Trostberg etwas ganz anderes. Als gelernter Koch und Konditor mit Meisterbrief hatte er sich ausgiebig in der Welt umgeschaut, bis er dann 1970 in Inzell sesshaft wurde und mit seiner Frau Ingrid das Café Blüml eröffnete. Ich signalisiere meine Anerkennung, doch er bremst mich gleich ab – denn bei allem Erfolg im selbst gebauten Hotel, dem Spaß am eigenen Restaurant, an den Promi-Gästen und an seinem Rolls-Royce, merkte er doch bald, dass ihn der Alltag aufzufressen begann. Rolls-Royce? In Inzell? Ja, der Alois war der Einzige, der mit so etwas dort herumfuhr, und zwar mit dem Silver Cloud II, gebraucht zwar, aber noch in richtiger Handarbeit gefertigt. Für einen Spinner hielten ihn die Inzeller trotzdem, aber dass er sein Gefährt für Hochzeiten vermietete und damit in der Zeitung erschien, fanden sie wiederum nützlich für den Fremdenverkehr.
Aber wie gesagt, der Stress. Bei einem der seltenen freien Tage kommt Alois Blüml in Salzburg auf einer Bank am Flussufer mit einen echten Sandler (so nennt man in Österreich die Landstreicher) ins Gespräch, einem ehemaligen Donau-Kapitän, den der Suff an Land geworfen hatte. Ausgerechnet der erzählt ihm „So gut wie jetzt ging’s mir noch nie, kein Stress und keine Verantwortung mehr“ – und das macht den Alois plötzlich sehr nachdenklich.

„Durchblick“, Marmorstatue von Linda Blüml im Grassauer Kurpark

„Durchblick“, Marmorstatue von Linda Blüml im Grassauer Kurpark

An seine Hochzeitsreise nach Paris erinnert er sich, als er per Zufall (s.o.) bei den Händlern am Seineufer seine erste Drehorgel, eine Amorette entdeckte. Völlig ruiniert und desolat war das Teil, aber er musste sie unbedingt haben! Ruiniert war mit dem Kauf auch der Etat der Hochzeitsreise, doch an dem Tag begann sozusagen seine Karriere als Drehorgelbauer. Er restaurierte die Amorette seinerzeit mit viel Mühe aber erfolgreich, seinen Gästen in Inzell hat er sie gelegentlich vorgespielt, eben dann, wenn die wenige Zeit es zuließ.
Seine Frau hat ihm die reduzierte Hochzeitsreise damals nachgesehen, auch als ihr Alois jetzt von seinem Plan erzählte war sie dabei. Der Plan hieß: Alles verpachten und irgendwo nur noch das machen, was sie schon immer machen wollten. Ingrid Blüml wollte z.B. schon immer malen, was ihr der Stress in der Gastronomie kaum erlaubt hat, und wonach sich der Alois sehnte war ohnehin klar.
Der Abschied von Inzell fiel leicht, die Familie Blüml samt Sohn und Tochter war unterwegs zu neuen Ufern. Tochter Linda, das gehört erwähnt, hatte die künstlerischen Gaben ihrer Mutter nicht nur geerbt, sie hat sogar ganz früh den harten und steinigen Weg der Freischaffenden eingeschlagen, als Malerin und vor allem als ziemlich erfolgreiche Bildhauerin. Derzeit sucht sie im Dschungel der vielen hundert Galerien in Berlin ihren Platz, im Chiemgau, wo sie durch die Ruhpoldinger Galerie Kaysser vertreten wird, kann dagegen  jeder ihre Skulpturen sehen, wie z.B. den genialen „Durchblick“ aus Marmor im Grassauer Kurpark.

Adresse in Grassau unter Drehorgelsammlern weltbekannt

Im Grassauer Ortsteil Oberdorf fand Alois Blüml den Zacherlhof, der sich bald zum Künstlerhaus wandelte und unter Drehorgelsammlern als Adresse weltbekannt wurde. Ich könnte jetzt viel von den historischen Drehorgeln erzählen, die bei Alois Blüml restauriert werden, von der verzwickten uralten Technik, den Patenten und Modellen der Musikautomaten, die zu Hunderttausenden hauptsächlich in Sachsen produziert wurden und, lange vor der Schallplatte, überall in den guten Stuben standen – aber das überlasse ich lieber dem Alois, der hat dafür die richtige Kompetenz und Begeisterung. Mich begeistert derweil jede seiner kurzen Vorführungen, bei denen er richtig aufblüht. Er kennt sie alle in- und auswendig, die Aristons und Helikons, den Tanzbär und die Walzerorgel, die ganz alten und die weniger seltenen. Die ihm am besten gefallen baut er übrigens nach, so naturgetreu und handwerklich vollkommen, dass sie bei den Sammlern schon jetzt als Klassiker begehrt sind.

Die Werkstatt ist ein Zauberkabinett

Der Schauraum mit Sammlerstücken von Alois Blüml

Der Schauraum mit Sammlerstücken von Alois Blüml

Seine Werkstatt ist das reinste Zauberkabinett, hier steht übrigens auch die selbst konstruierte Stanzmaschine, mit der er seinen Orgeln das klingende Leben einhaucht. Ja, man muss es erwähnen: Der Alois Blüml kennt sich sozusagen auch mit der „Software“ aus, sprich mit der Musik als solcher. Belebt werden die Automaten, soweit reicht das Allgemeinwissen, durch Papp- oder Blechscheiben, manchmal auch Papierbänder, die durch ihre gestanzten Löcher Ventile öffnen, Messingzungen anreißen, oder sonst wie die Töne in der richtigen Folge zum Leben erwecken. Deshalb kann der Zauberer Blüml theoretisch auch die Beatles auf die Drehorgel bringen, das ist seine eigentliche Genialität. Am Klavier im Wohnzimmer – auch hier überall die schmucken Kästen mit der Kurbel – am Klavier also überträgt er über ein selbst erdachtes System die Noten in die passenden Positionen auf den Lochscheiben, stanzt diese dann aus und schon erklingt alles, was das Ohr begehrt. Seine Sammlung von Original-Tonträgern ist gigantisch, Kopien sind aber kein Problem und Sonderwünsche seiner Kunden sowieso nicht.

Tipp

Zum Schluss noch ein Hinweis: Alois Blüml liebt Besuch, besonders wenn er sich anmeldet, denn ein Museum ist der Zacherlhof nicht, also auch nichts für gelangweilte Kids – obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass mancher von ihnen vielleicht sein Tablet wegsteckt und dafür versuchsweise die Kurbel am großen Salonmodell der Ariston dreht. Den Alois würde es freuen.


Datum: 12. November 2014 . Autor: Klaus Bovers . Kategorie: Grassau-Rottau . Kultur . Museen . Orte . Region . Tradition & Handwerk
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1 Kommentar
  1. Hermann Biro sagt:

    Habe heute im Fernsehen einen Beitrag über den Drehorgelbau des Alois Blüml gesehen. Hat mir sehr gefallen. Ich selbst kenne noch große Drehorgeln bei den Schaustellern auf dem Rummel und kleine Drehorgeln gespielt von Kriegsinvaliden nach dem II. Weltkrieg.
    Kann man eine Drehorgel ausleihen für eine Hochzeitsfeier mit Musik von Johann Strauss und Paul Lincke?
    Die Hochzeit findet am 19. September 2015 in Kitzeck in der Steiermark statt.
    Mit welchen Kosten ist zu rechnen?

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