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Der Eisstock-Macher vom Chiemsee

Datum: 9. Januar 2017 . Autor: Siegi Huber . Kategorie: Made im Chiemgau . Tradition & Handwerk . Winter
Eisstockmacher vom Chiemsee
Siegi Huber

Für uns Kinder hat es Anfang der 60er Jahre an kalten Wintertagen ein Ziel gegeben: Am Röthelbachweiher am Fuß des Hochbergs haben sich dutzende Chiemgauer zum Eisstockschießen getroffen.

Um sich vor der klirrenden Kälte zu schützen, sind die Eisstockschützen dick vermummt und mit festem Schuhwerk auf der Eisfläche gestanden. Gegen die Minusgrade haben ein Glühwein und manches Hochprozentiges geholfen. Auch wir Kinder haben gefroren, aber beim Zusehen einen großen Spaß gehabt. Bis zu sechs Stunden hat so ein sportlicher Tag oft gedauert. Jede Aktion ist mit Gejohle und beifälligen Worten kommentiert worden. „Hau ihn weg“, so die Aufforderung des Spielführers, wenn ein Stock nahe der sogenannten Daube gelegen ist. „Mit Gfui“, so der Hinweis, wenn der Eisstock nahe an das Ziel gespielt werden sollte. Heutzutage trifft man die Eisstockschützen auf zugefrorenen Gewässern eher weniger. Schuld sind unter anderem die milden Winter und der fehlende Nachwuchs. Das Treiben auf dem Eis hat den Ruf, ein Sport für alte Männer zu sein.

Eisstockschießen sei „Altmänner-Sport“

Das mit dem Altmänner-Sport stimmt nur bedingt, sagt Ludwig Baumgartner aus Breitbrunn am Chiemsee. Er muss es wissen, schließlich ist er ehemaliger Bundestrainer der Eisstockschützen-Nationalmannschaft der Damen gewesen. Mittlerweile fertigt er Eisstöcke für Hobby- und Profisportler. „Das Stockschießen hat sich vom Natureis in die Hallen verlagert.

„Geschossen wird vermehrt auf Asphalt“, erklärt Baumgartner. Bis zu viermal in der Woche trainieren gute Spieler. Wichtig ist die Technik und, man staune, auch eine gesunde Ernährung. Ein Turnier kann schon mal einige Stunden dauern, da sollte man fit sein.

Eisstöcke aus Holz werden nicht mehr gemacht

Der Eisstock-Macher an der Drechselmaschine in seiner Werkstatt

Der Eisstock-Macher an der Drechselmaschine in seiner Werkstatt

Die Fertigung eines guten Stockes ist ein kleines Geheimnis. In seiner Werkstatt zeigt er vieles, verrät aber nicht alles, was er da so genau macht. Eine große Rolle spielt das Material, Eisstöcke aus Holz haben schon lange ausgedient. Verwendet wird Glasfaser und Kunststoff sowie Edelstahl. Jetzt in der Hochsaison muss der Kunde bis zu zwei Wochen warten, bis er seinen Eisstock bei Ludwig Baumgartner bekommt. Das komplette Stück kostet um die 600 Euro. „Das ist wie mit einem guten Werkzeug, damit lässt sich auch besser arbeiten. Stiel, Stockkörper und Laufsohle, da muss alles passen.“

Leichtere Eisstöcke speziell für Kinder

Jeder Stock ist sozusagen ein Unikat, unter über 150 verschiedenen Designs kann der Kunde auswählen. Das geht bis zum Bild der eigenen Katze oder dem Vereinslogo, dazu sind bei Ludwig Baumgartner bis zu 400 Griffformen erhältlich. Je nach gewünschter Geschwindigkeit beim Schießen können die Platten für die Lauffläche gewechselt werden. Baumgartner gilt als Tüftler. Nachdem er festgestellt hat, dass das Material auf dem Eisstock-Markt nicht optimal ist, hat er beschlossen, Stöcke selber zu bauen. Von den Anfängen in seiner Bad Endorfer Garage bis zu seinem schmucken Laden mit Werkstatt in Breitbrunn ist es ein längerer Weg gewesen. Ein besonderes Produkt ist ein leichter Eisstock speziell für Kinder: Ein Softstock den er für den Schulsport entwickelt hat. Mit diesem kann auch in Turnhallen gespielt werden, da er durch eine besondere Auflage den Hallenboden schont.

Ludwig Baumgartner schneidet mit einem Zirkel die Form des Eisstocks

Ludwig Baumgartner schneidet mit einem Zirkel die Form des Eisstocks

Eisstockschießen kommt aus Skandinavien

Die Anfänge des Eisstockschießens liegen in Skandinavien im 13. Jahrhundert. Von dort hat es den Weg nach Mitteleuropa gefunden. Bei Olympia ist es 1936 und 1964 Demonstrationssport gewesen. Allerdings hat sich der „Der große Bruder Curling“ bei den Spielen durchgesetzt.

Weltrekord beim Weitschießen am Seeoner See aufgestellt

Beim Eisstockschießen gibt es drei verschiedene Wettkampfarten. Die beliebteste ist das Mannschaftsschießen: Zwei Teams bestehend aus jeweils vier Spielern kämpfen in sechs Durchgängen um den Sieg. Ziel ist es, den eigenen Stock möglichst nahe an das Ziel, die Daube zu bringen. Ziemlich anspruchsvoll ist das Zielschießen und eine enorme Kraft mit viel Technik ist beim Weitschießen gefordert. Der Weltrekord liegt bei 566 Meter und ist am Seeoner See aufgestellt worden. Zum Schluss noch der gesundheitliche Aspekt. Krankenkassen empfehlen Eisstockschießen als ideale Sportart, um den Kreislauf in Schwung zu halten. Aber nur, wenn Sie dabei auf das „Hochprozentige“ gegen die Kälte verzichten.

Eishalle Ruhpolding
Tipp

In der Eishalle Ruhpolding kann man neben dem Eislaufen auch das Eisstockschießen ausprobieren.


Datum: 9. Januar 2017 . Autor: Siegi Huber . Kategorie: Made im Chiemgau . Tradition & Handwerk . Winter
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1 Kommentar
  1. Robert Zapletal sagt:

    Super Bericht- findet man viel zu selten sowas!!!
    Danke
    mfG
    RZAP
    A- Hainburg

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