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„Gretlfrisur“: Bayerische Flechtfrisur zur Tracht

Datum: 8. Mai 2017 . Autor: Siegi Huber . Kategorie: Region . Ruhpolding . Tradition & Handwerk . Veranstaltungen
"Gretlfrisur": Bayerische Flechtfrisur zur Tracht
Siegi Huber

Ob Trachtenfest, Heimatabend oder Gaufest – die „Gretlfrisur“ gehört im Chiemgau einfach dazu. Sie ist ein wahres Kunstwerk und neben dem Dirndlgwand das Markenzeichen unserer Mädchen und Frauen. Um so ein Kunstwerk zu zaubern, braucht es eine wahre Könnerin.

"Gretlfrisur": Bayerische Flechtfrisur zur Tracht

Dirndl mit Flechtfrisuren

Eine, die ihr Handwerk perfekt beherrscht, ist Marlene Schmiederer aus Ruhpolding. Sie ist immer dann sehr gefragt, wenn in der Gemeinde ein Trachtenfest bevorsteht.

Schrittweise zur Gretlfrisur

„Nein, die Zöpfe sind nicht echt, die werden aufgesteckt“, klärt Marlene mich auf. Die wichtigste Aufgabe beginnt am Naturhaar ihrer Kundschaft. Das ganze Haar muss toupiert werden. Danach wird alles zurückgekämmt, so dass am Haaransatz oberhalb der Stirn nur noch die Tolle vorhanden ist. Anschließend werden die Haare locker zu einem Pferdeschwanz gebunden. Dann kommen die vorbereiteten Zöpfe zum Einsatz. Zuerst wird der Dünnere kreisförmig mit Haarnadeln am Hinterkopf angepasst. Anschließend wird der dickere Zopf in Gegenrichtung auf den dünneren platziert. Sitzen beide Zöpfe fest, kann der Pferdeschwanz geöffnet werden.

"Gretlfrisur": Bayerische Flechtfrisur zur Tracht

Utensilien für die Flechtfrisur

Mit Haarnetz und viel Haarlack werden die Haare nach unten gekämmt und unterhalb der beiden Zöpfe festgemacht. Es ziept. „Wer schön sein will, muss leiden“, sagt Marlene, was Kundin Lena mit einem Lächeln quittiert. Ein Zopf mit echtem Haar würde so um die 800 Euro kosten, Kunsthaar ist etwas günstiger.

Do it yourself

Im Alter von 16 Jahren ist Marlene Schmiederer zum Trachtenverein „D´Rauschberger Zell“ gekommen. Gleich ein einschneidendes Erlebnis, erinnert sie sich. Für eine Hochzeit in Inzell hat sie sich eine Gretlfrisur machen lassen, die nicht sehr gelungen war. „Die Inzeller Buam haben uns im Weinstüberl deswegen ausgelacht. Das hat mich ziemlich wütend gemacht“, erinnert sie sich. Das Ende der Geschichte: Sie ist nach Hause gegangen und hat sich selbst eine Gretlfrisur gemacht. „Seitdem mache ich das selber.“ Mittlerweile versorgt sie auch den anderen Ruhpoldinger Trachtenverein „D´Miesenbacher“ mit Frisuren. So auch für die 17-jährigen Lena Haas und Emily Haßlberger. „Wir sind moderne junge Mädels. Aber wir sind gerne beim Trachtenverein und finden Brauchtum positiv“, verrät Lena.

Gretlfrisur im Handumdrehen

Emily ist bereits als Vierjährige zum Trachtenverein gekommen. „Die Tracht macht mich stolz, ich bin aber keineswegs so eine >Eingnahde<“, meint sie lächelnd. Bei meinem Besuch macht Marlene Schmiederer in Handumdrehen gleich drei Frauen eine Gretlfrisur. So bekommt auch Freundin Hannelore Neuhofer eine verpasst. Eine knappe Viertelstunde braucht sie dafür. „Alles Routine“, bemerkt sie. „Jede meiner Kundschaft hat eine andere Kopfform. Bei sehr dünnen Haaren kann man schon mal verzweifeln“, gesteht sie. Zwei Tage vorher soll man bei einer Gretlfrisur die Haare nicht waschen, das ist für die Haltbarkeit ein großer Vorteil. Nervös wird Marlene bei ihrer Arbeit nur noch selten. „Höchstens dann, wenn eine Braut vor der Hochzeit kommt.“

"Gretlfrisur": Bayerische Flechtfrisur zur Tracht

Fraulich: Die fertige Gretlfrisur

Und noch etwas verrät sie mir. „Vor allem junge Mädchen sehen mit einer Gretlfrisur fraulicher aus“, was Lena und Emily mit einem Nicken bestätigen. Wenn eine „Gredei“ fertig ist, wird sie noch mit sogenannten Schmuckstickern verziert. Bleibt die Frage, woher kommt eigentlich der Name Gretlfrisur? Wahrscheinlich hat sie ihren Ursprung in der klassischen Literatur. In Goethes Faust gibt es die „Abendszene“, in der das berühmte Gretchen gerade dabei ist, die Zöpfe zu flechten. Eine der bekanntesten Zopfträgerinnen ist übrigens Sissy, die Kaiserin von Österreich, gewesen.

Vielleicht entdecken Sie ja bei einem der vielen Trachtenfeste im Chiemgau eine Sissy oder ein Gretchen. Aber auch ohne Gretl und Dirndl: Die Mädchen und Frauen aus dem Chiemgau können sich sehen lassen.

Gautrachtenfest Peterskirchen
Tipp

Ihr wollt wissen, wie so ein richtig traditionelles Fest bei uns aussieht? Lest die G’schichte zu den Chiemgauer Trachtlern und ihr Gautrachtenfest.


Datum: 8. Mai 2017 . Autor: Siegi Huber . Kategorie: Region . Ruhpolding . Tradition & Handwerk . Veranstaltungen
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2 Kommentare
  1. Maria höhne sagt:

    Griass Gott,

    was sind bitte Schmucksticker? I kenn nur Haarspange und silberne Filigrannadeln zum Gredei. Und no a schönes Samtbandl dazua…

    Schöne Griass aus’m Chiemgau

    M. Höhne
    selbst Gredeiträgerin

  2. Liebe Frau Höhne,
    Schmucksticker sind die Accessoires, die auf dem letzten Bild in den Haaren der Dirndl zu sehen sind.
    Liebe Grüße