Wir suchen die schönsten G’schichten aus dem Chiemgau.

Teilen Sie Ihre Geschichte und schenken Sie ein Lächeln.
» zum Gast-Autor Formular

Die Marzipanwerkstatt auf der Fraueninsel

Dorothea Steinbacher

Zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen gehören die Ausflüge, die auf die Ankündigung meiner Mutter „Morgen fahrn ma auf d’Insel!“ folgten. „Die Insel“ – das ist die Fraueninsel. Als Einheimische fuhr meine Mutter kaum auf die Herreninsel, höchstens, wenn „ein Besuch“ das Herrenschloss sehen wollte. Ein Ausflug auf die Fraueninsel dagegen stand regelmäßig auf dem Programm.

Kindheitsträume

Der Klosterladen auf der Fraueninsel

Der Klosterladen auf der Fraueninsel

Bis heute pflege ich diese Tradition. Und obwohl die Insel so klein ist und ich jeden Winkel schon vielfach gesehen habe, komme ich nach meinen Fraueninsel-Ausflügen immer wieder beschwingt zurück. Wasser, Wellen, Berge, die „Blassl“ – Blesshühner, Schwäne, Schilf und die alten windzerzausten Weiden am Ufer – jedes Mal ist das Bild ein wenig anders. Auf der Insel die ehrwürdigen Linden, der Klosterfriedhof, das Münster, die alten Gasthöfe und die Gärten voller Blumen, vertraut und so schön. Den Abschluss jedes Ausflugs bildet der Gang in den Klosterladen – Marzipan von der Insel muss sein!

Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, ein letztes Rätsel aus Kindertagen zu lösen: Wie sieht es in der Marzipanwerkstatt im Kloster aus? Stehen die Klosterschwestern da an langen Tischen und kneten und rollen Teig aus und formen Figuren daraus? Und ist das Auge des Marzipanfischs wirklich aus reinem Gold?

Der große Tag kam, und durch lange Gänge gelangte ich tatsächlich ans Ziel meiner Kinderträume: Ich stand in der Marzipanwerkstatt, wo zwei Frauen den lieben langen Tag das Marzipan für den Klosterladen herstellen. Keine düsteren Gewölbe, wie ich mir das früher ausgemalt hatte: alles blitzsauber, hell, lichtdurchflutet. An den Wänden lange Borde, auf denen die Holzmodel für die verschiedenen Marzipanfiguren zum Trocknen aufgestellt sind und auf ihren Einsatz warten.

Hand-Arbeit

Täglich wird das Marzipan im Kloster frisch zubereitet. Es besteht nach alter Tradition nur aus Mandeln, Zucker und Marzipan Werkstattgeheimen Geschmackszutaten, etwa Chiemseer Klosterlikör. Der Mandelanteil ist mit 52 Prozent höher als bei anderen Marzipanen – mehr ist nicht zu erfahren. Inzwischen haben sich die Schwestern eine Maschine zum Kneten der Grundmasse geleistet, die Arbeit ist auch so noch anstrengend genug: Das Marzipan wird von Hand portioniert, jede Portion wird abgewogen und dann in die verschiedenen Formen gebracht. Dutzende von Holzmodeln sind es: Fische in verschiedenen Größen, Blumen und Rankenwerk, kunstvoll geschnitzte Ansichten der Fraueninsel und allerlei Tiere wie etwa Hasen für die Osterproduktion oder christliche Symbole wie der Pelikan. Schöne alte Model sind darunter und neue – ein junger Schnitzer ersetzt die alten Exemplare, wenn das Holz ausbricht vom vielen Gebrauch. Per Hand wird jede einzelne Marzipanportion in ein Model gedrückt. Per Hand bekommt der Fisch sein goldenes Auge (eine Zuckerperle, ich dachte es mir schon…) eingesetzt und sein Fischmaul nachgezogen. Die Marzipanfiguren müssen dann auf großen Blechen über Nacht etwas abtrocknen, bevor sie verpackt und im Klosterladen verkauft werden.

 

Marzipan, Lebkuchen und Likör

Die Benediktinerinnen stellen außerdem noch Lebkuchen und den berühmten Chiemseer Klosterlikör her, seit Hunderten von Jahren, nach uralten Geheimrezepten. Das Marzipan Model 1Marzipan ist das jüngste Produkt der Schwestern – sicher weiß man nur, dass es ab den 1920er Jahren außerordentlich beliebt wurde, es gibt keine genauen Aufzeichnungen, seit wann es hergestellt wird. Bekannt wurde das Marzipan, als 1922 der Seligsprechungsprozess der Irmengard von Chiemsee, der ersten Äbtissin des Klosters in der Karolingerzeit, eingeleitet wurde. Damals explodierte die Zahl der Pilger förmlich, und die Schwestern stellten ihr Marzipan als nahrhafte „Stärkung der Pilger“ her, wie es im Klosterarchiv heißt. 1929 wurde Irmengard selig gesprochen und seither ist die Wallfahrt zur Patronin des Chiemgaus ungebrochen.

 

Die ersten Marzipanmotive waren deshalb auch christliche, erst in den letzten Jahren gibt es auch ganz weltliche wie die Marzipan Model 2Osterhasen. Auf die Frage, wie lange sich das Marzipan denn halte, erntet man ein Lächeln: „Meistens nur bis aufs Festland oder bis zum Verschenken, keiner kann dem Marzipan lang widerstehen.“ Im Sommer kommt man kaum hinterher mit der Produktion. In der kalten Jahreszeit gibt es inzwischen auch weitere Spezialitäten, etwa die Marzipan-Nugat-Rolle und das Marzipankonfekt, im Sommer Zitronenmarzipan.

Auch mein Marzipan ist immer schnell vernascht – deshalb muss ich, zu meinem großen Vergnügen, ziemlich oft auf „die Insel“ fahren…

 

 

 

Tipp

Wer nicht das Glück hat, so nah am See zu wohnen wie die Verfasserin, der kann das Marzipan übrigens auch im nagelneuen Online-Shop des Klosters bestellen: www.frauenwoerth.de.


Hinterlassen Sie einen Kommentar

Nach Absenden des Kontaktformulars erfolgt eine Verarbeitung der von Ihnen eingegebenen personenbezogenen Daten durch den datenschutzrechtlich Verantwortlichen zum Zweck der Bearbeitung Ihrer Anfrage auf Grundlage Ihrer durch das Absenden des Formulars erteilten Einwilligung. Weitere Informationen