Gelebte bayerische Tradition - Brauchtum im Chiemgau

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Gelebte Tradition voller Lebensfreude

Datum: 24. Oktober 2016 . Autor: Axel Effner . Kategorie: Inzell . Kultur . Region . Reiten, Golf & Co. . Tier- & Pflanzenwelt . Veranstaltungen
Gelebtes Brauchtum voller Lebensfreude im Chiemgau
Axel Effner

Nicht nur beim Maibaumaufstellen, bei der Fronleichnamsprozession oder den Trachtenumzügen zeigt sich der Chiemgau als Hort von Tradition und gelebtem Brauchtum in voller Farbenpracht. Viele Schaulustige ziehen auch die rund 14 Pferdewallfahrten zu Ehren der Schutzpatrone Leonhard, Georg und Michael zwischen Chiemsee und Waginger See an.

Die Traditionsritte zählen zu den ältesten christlichen Bräuchen in Bayern. Sie erinnern an den langen Zeitraum, in denen Wohl und Wehe der bäuerlichen Bevölkerung bei der mühevollen Feld- und Waldarbeit von den Pferden als unersetzbare Helfer abhängig war.

Der ganze Ort hilft mit

Segnung von Ross und Reiter im Chiemgau

Segnung von Ross und Reiter

Aufgeregtes Wiehern, Kinderlachen, Übungsmelodien aus der Trompete und freudige Begrüßungsrufe erfüllen am letzten Samstag im September den großen Parkplatz vor dem Badepark in Inzell. Der Duft von Gebratenem und Schmalzgebackenem erfüllt die Luft in der international bekannten Wintersportgemeinde. Hier sammeln sich alle für einen der wichtigsten Festtage im Ort: den Michaeliritt zur Frauenkirche in Niederachen für die Segnung von Ross und Reiter.

 

Alte Tradition von der Jugend weiter gelebt: Die Trachtenjugend im Chiemgau

Die Trachtenjugend

Süddeutsche Kaltblut-Pferde im Festschmuck und mit geflochtener Flachshaarperücke, Reiter und junge Dirndln im Festtagsgewand, edle Kutschen für die lokale Prominenz und festlich geschmückte Wagen für den Trachtenverein, die Schützen und Gebirgsschützen sowie die Blaskapelle aus Inzell wechseln mit Abordnungen aus anderen Orten, einem Bierfuhrwerk und Themenwagen. Golden blitzt etwa die Statue des heiligen Michael aus einem Kranz von Blumen hervor. Auch die Frauenkirche begleitet den Zug als Miniaturmodell. „Das geht nur, wenn der ganze Ort mit vielen Freiwilligen mithilft“, sagt Franz Reiter, der als Ansprechpartner der Pferdefreunde Inzell in die Organisation eingebunden ist. Er ergänzt: „Wir legen Wert auf Teilnehmer in Tracht. Cowboyhüte, Piercings und Tattoos gehören einfach nicht zu unserem Traditionsritt.“

Vorbereitungen für den Ritt

Georg Dießbacher im Gespräch mit Autor Axel Effner im Chiemgau

Georg Dießbacher im Gespräch mit Autor Axel Effner

Überall ist etwas los an diesem Tag: Essensstände sorgen für Verpflegung, Musikgruppen geben an mehreren Orten Konzerte, ein Handwerker- und Brauchtumsmarkt zeigt mächtige Gamsbärte, Arbeiten aus Spitze und Miederschmuck. Kinder bieten Waren auf dem Flohmarkt an. Für Nebenerwerbslandwirt Georg Dießbacher und seine Frau Gabi hat dieser Tag schon früh um 5 Uhr begonnen: Vor dem Frühstück sind die Tiere im Stall und die drei Kinder zu versorgen und vor dem Gottesdienst in der Pfarrkirche muss noch schnell der Festschmuck für Kaltblutstute Rosl hergerichtet werden. Mit glänzendem Fell und auf Hochglanz polierten Hufen spürt sie bereits die Aufregung des diesjährigen 25. Jubiläumsritts. Als am frühen Nachmittag endlich der letzte Handgriff erledigt ist, reitet Dießbacher in festlicher Chiemgauer Tracht und mit sichtlichem Stolz zum Festzug. Schließlich führt er den Umritt an, in der Hand die historische Standarte mit dem Bildnis des heiligen Leonhard.

Tradition und Gegenwart

Leonhard – Michaeliritt? Da stimmt doch etwas nicht, fragt sich der aufmerksame Leser. Und ob. Bei der ersten Bitt- und Dankwallfahrt 1926 hatten nämlich auch die Inzeller noch ihren Leonhardiritt. Nur war es am Namenstag des Patrons Anfang November im „Schneeloch“ Inzell oft schon so kalt, dass einfallsreiche Köpfe den Umritt auf den Michaelitag im Spätherbst vorverlegten. „Das war damals ein Bauernfeiertag, an dem in Inzell Kirchweih gefeiert wurde“, erklärt die Volkskundlerin Dorothea Steinbacher aus Ising am Chiemsee. Sie ist dem Thema in ihrem „Altbayerischen Festtags- und Brauchtumskalender“ nachgegangen. Ausschlaggebend war mit Sicherheit auch, dass die Inzeller Pfarrkirche dem heiligen Michael geweiht ist. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft und dem Verschwinden der Rösser verlor der Ritt aber an Attraktivität und wurde 1950 eingestellt.

Schön herausgeputzt geht es über saftige Wiesen zum Michaeliritt im Chiemgau

Schön herausgeputzt geht es über saftige Wiesen zum Michaeliritt

Erst 1990 weckten die Pferdefreunde Inzell den Michaeliritt nach vier Jahrzehnten wieder aus dem Tiefschlaf. „Es spricht für die starke Bindung an Traditionen, wenn eine Gemeinde sich trotz moderner Maschinen wieder an ihre Heiligen und alte Gebräuche erinnert und diese pflegt“, sagt Steinbacher. „Wir sind halt Rossnarrische“, ergänzt Georg Dießbacher. Und so nehmen nicht wenige der rund 200 Teilnehmer des Inzeller Pferdeumritts zwischen Ostern und dem Leonharditag gleich an mehreren Umritten in der Region teil. Traunsteins Landrat Siegfried Walch, selbst Inzeller, ist sich sicher: „Bei uns werden regionale und echte Traditionen noch gelebt und machen die eigenen Wurzeln bewusst. Das gehört zum Alltag wie Computer oder Smartphone.“

 

Tipp

Ein anderer Pferdeumritt ist der Leonhardi Ritt. Lesen Sie die Hintergründe dazu und wie ihn unsere Autorin erlebt hat in den Chiemgau G’schichten.


Datum: 24. Oktober 2016 . Autor: Axel Effner . Kategorie: Inzell . Kultur . Region . Reiten, Golf & Co. . Tier- & Pflanzenwelt . Veranstaltungen
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