Wir suchen die schönsten G’schichten aus dem Chiemgau.

Teilen Sie Ihre Geschichte und schenken Sie ein Lächeln.
» zum Gast-Autor Formular

Georgiritt Traunstein 2015

Kostümierte Reiter des Georgi-Ritts in Chiemgau
Klaus Bovers

„Seit meinem fünften Jahr bin ich jetzt dabei“, sagt Albert Schmied, „richtig gesehen habe ich ihn noch nie.“ Die Rede ist vom Georgiritt Traunstein. Nicht als Zuschauer auf der Straße, sondern lieber vom Ross aus genießt Albert Schmied den berühmten Festumzug zur Wallfahrtskirche nach Ettendorf. In diesem Jahr übernimmt er bereits zum 27. Mal und in dritter Generation seiner Familie den ehrenvollen Posten des Vorreiters. Im historischen Kostüm ist er damit fester Bestandteil der größten, ältesten und traditionsreichsten Pferde-Wallfahrt in Bayern.

Georgi-Ritt Traunstein 2015 im Chiemgau

Kostümierte Reiter auf dem Georgiritt Traunstein

Pünktlich um zehn Uhr startete dieses Jahr der bunte Zug am sonnigen Traunsteiner Stadtplatz. Kurz darauf wurde es im Chiemgau wieder Winter, und zwar richtig! Historisch kostümierte Reiter im Schneetreiben, auf prachtvoll geschmückten Rössern, das bekommen Fotografen nicht alle Tage zu sehen. Eines der Spitzenbilder des Spektakels hat es tags drauf sogar auf die Titelseite der Süddeutschen gebracht. Im Gegensatz zu den Fotografen wurden einige der 373 Kaltblüter, Friesen, Haflinger, Ponys oder Mulis auf dem langen Festumzug hinauf zur Wallfahrtskirche in Ettendorf besonders beansprucht. „Jetzt reiß di halt zam!“ kriegte da so manch ein Muli von seinem Gebirgsjäger zu hören. Verständlich, dass ein warmer Stall so sehr lockt, dass das Pferd auch mal im Galopp den kürzesten Weg nach Hause sucht – mit oder ohne Reiter. Aber das waren nur die „Ausreißer“. Der Großteil der Rösser war entspannt und dem Anlass gemäß fromm. Die gut beschirmten Zuschauer beobachteten im Schneegestöber dabei gespannt den bunten Festumzug. „Vor drei Jahr moan i war’s“, sagt der Feuerwehrler aus Surberg, „da hat’s sogar an solchen Schnee g’habt, dass glei unten blieben san.“ Demnach war heuer mit nur ein paar weißen Flocken alles so, wie sich’s gehört. Schließlich geht es bei dem Ritt um die ehrenwerte Tradition und den Segen von oben für Ross und Reiter – und für die Reiterinnen natürlich auch.

Jedes Jahr bekommt Albert Schmied zwischen acht und zehn Anfragen wegen Verkaufsständen, Bierzelten oder sonstigen kommerziellen Trittbrettfahrereien, aber er und sein Verein sind da eisern. Es gibt für so etwas keine Genehmigungen, denn im Vordergrund des Georgirittes steht die fromme Wallfahrt am Ostermontag zur Kirche von St.Veit in Ettendorf. Und das seit 1891, seit dem der St. Georgs-Verein Traunstein e.V. eine Ordnung in die bis dahin eher locker organisierte bäuerliche Volksfrömmigkeit gebracht hatte. Seit 1926 gehören zum Georgiritt auch die historischen Gruppen und der Schwertertanz auf dem Stadtplatz. Hinweise auf einen solchen Tanz aus dem Traunstein des 16. Jahrhunderts hatte der Apotheker und Heimatforscher Georg Schirghofer bei den Vorbereitungen zur 800-Jahrfeier Traunsteins entdeckt. Alfred Fürst entwarf daraufhin die historischen Kostüme und weil die nach dem Stadtjubiläum noch wie neu waren, hat der Georgiritt seit dem ein historisch kostümiertes Vor- und Begleitprogramm. Mit dem nach alten Muster inzwischen mehrfach erneuerten Gwand, versteht sich.

Reiterinnen beim Georgiritt im Chiemgau

Altertümlich gekleidete Reiterinnen

Ausgefallen ist der Georgiritt zuletzt im Jahr 2.000 wegen der Maul- und Klauenseuche. Was gab es sonst noch an besonderen Vorkommnissen? Albert Schmied fallen dazu die „Freiflugkarten“ ein, so nennen die Georgireiter unfreiwillige Abstiege. „Wir haben zwei Ritter dabei, der ‚Lindl‘ (der hält seit 1526 auf dem Stadtbrunnen in Traunstein Wache) und der ‚Eiserne Ritter‘, beide im Vollharnisch. Das gibt´s schon mal blaue Flecken, und Pferde zu finden, die das Geschepper mitmachen, ist nicht leicht.“ Und so kommt es hin und wieder mal zu den „Freiflügen“. Drum wird vorher mit Ritter und Pferd professionell geprobt, denn „so ganz ungefährlich ist das nicht!“ meint Albert Schmied.

Eingeweihten ist die Geschichte vom Schwert-Tänzer aus Übersee bekannt. Jeremy Carter-Gordon, Student der Musikethnologie und Tanzanthropologie am Bart College in New York, plante eine Studienreise zu den unterschiedlichen Schwertertänzen in Europa. Seine Anfrage in Traunstein erbrachte ihm einen sechswöchigen Gast- und Studien-Aufenthalt mit dem Höhepunkt seiner Teilnahme am Ostermontag 2012. „Im am Sword dancer from the United States, studying different types of sword dances in Europe.“ So begann seine Anfrage, und was sagten seine Traunsteiner Studienobjekte und Kollegen hinterher? „Fast niemand konnte den Tanz auf Anhieb besser als der Jeremy. Respekt!“

Geschmückte Pferde des Georgi-Ritts im Chiemgau

Kopfschmuck der Pferde während des Ritts

Auf die Frage woher eigentlich all die Pferde kommen, erfahre ich Überraschendes: Allein der Verein braucht schon für den offiziellen Teil des Zuges mit seinen Kutschen, Rittern und Fanfarenbläsern rund 50 Rösser, wobei die zu beschaffen nicht einfach ist. „Bei den umliegenden Landgemeinden kann ich sie mir nicht ausleihen“, sagt Albert Schmied, „dann haben die keine Pferde mehr um am Festumzug teilzunehmen.“ Und das sollten ja möglichst viele sein. Also sammelt sich der Herold und Vorreiter seine Rösser oft in Rosenheim, dem Oberland und auch in München ein.
Apropos München: Im kommenden Jahr, zum 125-jährigen Jubiläum des Georgi-Vereins, wird am Ostermontag Kardinal Marx persönlich die Pferdesegnung in Ettendorf vornehmen. Dann wird der Festumzug zum Kircherl sicher ein besonders stattlicher werden, wofür wir allen Beteiligten am 28. März schon jetzt einen richtig schönen Sonnentag wünschen!

Tipp

Auch viele andere Gemeinden im Chiemgau laden Sie zu Georgiritten, Leonhardiritten und Michaeliritten ein!

 


Hinterlassen Sie einen Kommentar

Nach Absenden des Kontaktformulars erfolgt eine Verarbeitung der von Ihnen eingegebenen personenbezogenen Daten durch den datenschutzrechtlich Verantwortlichen zum Zweck der Bearbeitung Ihrer Anfrage auf Grundlage Ihrer durch das Absenden des Formulars erteilten Einwilligung. Weitere Informationen