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Leonhardiritt zu Ehren des heiligen Leonhard

Dorothea Steinbacher

Der heilige Leonhard ist der Schutzpatron der bayerischen Pferde. Ihm zu Ehren ziehen um den 6. November, seinen Gedenktag, herum überall in Oberbayern Hunderte von Reitern mit ihren festlich geschmückten Pferden in langen Prozessionen durch die Dörfer. Ein prächtiger traditioneller Leonhardiritt im Chiemgau findet alljährlich in Truchtlaching, Gemeinde Seeon-Seebruck, statt.

Die Rösser gestriegelt, die Reiter in Tracht

Leonhardiritt im Chiemgau

Die selige Irmengard von Chiemsee (Foto: Hermann Wolfegger)

Nicht nur Reiter beteiligen sich an den Umritten: Man spannt die Pferde auch vor kostbar bemalte Truhenwagen oder Leiterwagen, die mit Tannengrün und Papierrosen geschmückt sind. Auf den Wagen sitzen die Honoratioren des Dorfes, die Ortsvereine, die Trachtenfrauen in Festtagskleidung. Auch Motivwagen, man stellt biblische Szenen dar und Heilige, werden mitgeführtauch Modelle der Dorfkirche, in mühsamer Arbeit gemeinsam gebaut.

Früher, als noch auf jedem Bauernhof Pferde Pflug und Wagen zogen, ritten die Bauern eines Dorfes am Leonharditag zur Kirche, umkreisten sie dreimal – die magische Dreizahl war wichtig! – und opferten dem heiligen Leonhard Wachs, Geld, Votivbilder. Der Pfarrer segnete dann Pferde und Reiter, das brachte Segen für ein weiteres langes Bauernjahr – für Haus und Hof, besonders die Tiere im Stall.

Ein Missverständnis

Dass Leonhard der wichtigste Pferdepatron wurde, beruht eigentlich auf einem Missverständnis: Der heute als bäuerlicher Heiliger Verehrte stammte der Überlieferung nach aus einer fränkischen Adelsfamilie. Leonhard wurde um das Jahr 500 herum geboren und getauft. Später zog er sich in die Waldeinsamkeit um Limoges zurück und heilte die Kranken, die zu ihm kamen. Bei König Chlodwig setzte er sich für die unschuldig Verurteilten und Gefangenen ein und erwirkte für viele die Freilassung. Angeblich fielen sogar die Ketten ab, sobald die Gefangenen Leonards Namen aussprachen.

Eines Tages, berichtet die Legende, waren der König und die schwangere Königin auf die Jagd gezogen. Als bei der Königin plötzlich die Wehen einsetzten, war Leonhard zur Stelle und stand ihr bei. Er betete für eine gute Geburt, die Königin gebar – natürlich! – einen gesunden Sohn und der König wollte Leonhard mit Reichtümern belohnen. Die schlug der Heilige aber aus und erbat sich nur ein Stückchen Wald, um es zu roden und ein Kloster zu bauen. So geschah es. Und am 6. November 559 starb Leonhard in seinem Kloster Noblat.

Seit tausend Jahren wird Leonhard besonders in Bayern verehrt – er gilt als Patron der Gefangenen ebenso wie der Geisteskranken, die man früher auch ankettete. Weil er die Königin bei der Geburt begleitete, wird er auch als Schutzpatron der schwangeren Frauen angesehen. Die Kette in seinen Händen wurde jedoch schon bald als Viehkette gedeutet: der Beginn seines Patronats für die Tiere. Bald wird er zum beliebtesten bayerischen Heiligen, er soll nun auch vor Missernten und Unwettern, vor Krankheiten nicht nur der Tiere, sondern auch der Menschen bewahren. Den „bayerischen Herrgott“ nannte man ihn sogar, auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit, von der Barockzeit bis vor gut 50 Jahren. Damals wurden auf immer mehr Bauernhöfen die Pferde durch Traktoren ersetzt.

Pferdeumritte im Chiemgau

Von den einst Hunderten von Umritten in Bayern sind noch rund fünfzig geblieben, die bis heute gepflegt werden. Einige davon gibt es auch im Chiemgau.

Viele Leonhardiritte wurden inzwischen auf Termine im Oktober vorverlegt. Denn erstens ist dann meistens das Wetter noch besser und außerdem kommen die Teilnehmer nicht mehr wie früher nur aus dem Ort, sondern aus der gesamten Umgebung. Und damit möglichst viele Reiter an möglichst vielen Ritten teilnehmen können, werden eben nicht alle Ritte gleichzeitig veranstaltet.

Zwei Chiemgauer Umritte finden schon am vierten Sonntag im Oktober statt: in Truchtlaching und in Grassau.

Kapelle Chiemgau

Der Heilige wacht über Wiesen und Felder

Das kleine Dorf Truchtlaching könnte malerischer nicht sein als Kulisse für den Leonhardiritt. Es hat eine lange Geschichte, entstand es doch rund um die Alzbrücke herum, eine wichtige Straßenverbindung. Mitten durch den Ort zieht der Leonhardiritt, am Maibaum vorbei, der vor dem mächtigen Gasthaus zur Post steht, gegenüber von Pfarrkirche und Friedhof. Dahinter fließt gemächlich die Alz in Richtung Norden. Um das Dorfzentrum lauter schöne alte Bauernhöfe, mit Bundwerkstadeln und Blumen ums Haus.

Die Truchtlachinger führen in ihrem Ritt traditionell die Erntekrone mit, zum Dank für ein gutes Bauernjahr. Am Anfang des Zuges wird die Leonhardsstandarte getragen, auf einem Motivwagen fährt die selige Irmengard von Chiemsee mit, die Schutzpatronin des Chiemgaus, vor dicken Schilfbündeln als Zeichen ihrer Wirkungsstätte, der Fraueninsel.

Rogat Schachner, der Truchtlachinger Pfarrgemeinderatsvorsitzende, kennt den genauen Ablauf des Leonhardiritts: „Um 13.45 Uhr stellen sich Pferde, Reiter und Wagen beim Sportheim zum Zug auf, mitreiten darf übrigens jeder, der mag und mit seinem Pferd rechtzeitig eintrifft! Jeder Teilnehmer ist herzlich willkommen! Um 14 Uhr setzt sich der Zug in Bewegung, führt durch den Ort über die Alzbrücke, über die Wehrländerstraße und zurück zum Sportplatz. Dort werden in einer kurzen Andacht die Pferde und die Reiter gesegnet. Im Anschluss gibt es noch eine Brotzeit, und die Blaskapelle spielt auf.“ Denn gefeiert werden muss das auf jeden Fall: ein weiteres Jahr unter dem Schutz des heiligen Leonhard!

Leonhardiritt im Chiemgau
Tipp

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