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Bierstadt mit Pfiff & reicher Tradition – Traunstein

Bierstadt mit Pfiff & reicher Tradition
Axel Effner

500 Jahre Bayerisches Reinheitsgebot: In der Bierstadt Traunstein wird die Tradition der Braukunst fast ebenso lang hochgehalten. In drei Brauereien, im Biermuseum und in originellen Einrichtungen lässt sich die „Seele des Biers“ studieren.

Bierstadt mit Pfiff & reicher Tradition

Stadtplatz Traunstein mit Bierwagen um die Jahrhundertwende

Es muss wohl die Lage im Chiemgau sein mit seiner einzigartigen Vielfalt an Brauereien auf engstem Raum – rund einem Dutzend -, an Traditionen und Geschmacksnuancen, die auch der Bierstadt Traunstein ihren langen Bestand gesichert hat als gefragten Ort der Braukultur. Von einst neun Braustätten sind heute immerhin noch drei übrig, die als „Tiefwurzler“ alle auf eine erstaunlich lange Unternehmensgeschichte zurückblicken können: das Hofbräuhaus Traunstein, die Privatbrauerei Schnitzlbaumer und der Wochinger Bräu.

ProBierma’s

Das Erfolgsrezept ist offenkundig, dass alle drei Brauereien mit individuell-originellen Konzepten das Stadtleben bereichern und – je nach Anlass – auch kooperieren statt im Konkurrenzdenken die Kräfte gegenseitig zu erschöpfen. Leben und leben lassen, wie man in Bayern sagt. Das Biermuseum des Hofbräuhauses mit seinen historischen Szenen und dem Bier-Orakel, der Brauereigasthof Schnitzlbaumer mit der Pro-Bier-Bar „Schalander“ und Eventbühne zwischen den Sudkesseln sowie der Wochinger-Biergarten als einer der stimmungsvollsten in der Region sind nur drei der Attraktionen, die Traunstein bei Gästen und Einheimischen als Bierstadt hoch im Kurs stehen lassen. Seit Mai 2016 bietet die Stadt Traunstein zudem regelmäßige Sonderführungen zur Biergeschichte und den Brauereien an unter dem Motto „ProBierma’s“.

Wandel der Zutaten dank Reinheitsgebot

„Traunstein und Erding, Vilshofen und Schärding sind in Bayern der Orte vier, wo man braut das beste Bier.“ Mit diesem im 17. Jahrhundert geprägten Spruch war es zu Beginn der Bierkultur in Bayern allerdings noch nicht weit her. Die Trinksitten waren nämlich bis weit ins 16. Jahrhundert hinein stark vom Weingenuss und den gesellschaftlich angeseheneren Weinwirten geprägt. Was nicht wundern, darf, wenn man einen Blick auf die Zutatenliste des Gebräus wirft, das seinerzeit als Bier verkauft wurde: Eichenblätter, Efeu und die Samen der Herbstzeitlosen finden sich darin ebenso wie Lorbeer, Muskat und Sumpfporst oder Ochsengalle, Ruß und Bilsenkraut. Prost dem, der’s überlebt.

Nicht umsonst wird vor diesem Hintergrund im 500. Jubiläumsjahr das Bayerische Reinheitsgebot als zentrale Errungenschaft gefeiert.  Es stellt die älteste bis heute gültige Lebensmittelverordnung dar. Sie ist Teil einer Landordnung, mit der die gemeinsam regierenden Bayernherzöge Wilhelm IV. und Ludwig X. auf eine Harmonisierung der Verwaltung in den einstigen Teilherzogtümern zielten.  Nach ersten Anfängen in Kloster- und privaten Hausbrauereien machte auch die aufkommende gewerbliche Organisation des Brauwesens einen effektiveren Schutz des Grundnahrungsmittels Bier erforderlich.

Bierstadt mit Pfiff & reicher Tradition

Verlesung des Reinheitsgebots durch den Bierherold

Verkündung des Reinheitsgebots in der Bierstadt Traunstein

Mit dem farbenprächtigen Aufmarschieren eines berittenen Bierherolds der Wittelsbacher erinnerte das Hofbräuhaus Traunstein am diesjährigen Jubiläumstag (23. April) an die Verkündung des Reinheitsgebots anno 1516 in Ingolstadt: „…Ganz besonders wollen wir, dass forthin allenthalben in unseren Städten Märkte und auf dem Lande zu keinem Bier mehr Stücke als allein Gersten, Hopfen und Wasser verwendet und gebraucht werden. Wer diese Anordnung wissentlich übertritt und nicht einhält, dem soll von seiner Gerichtsobrigkeit zur Strafe dieses Fass Bier, so oft es vorkommt, unnachsichtlich weggenommen werden….“. Ergänzend erinnert vom 7. bis 22. Mai eine vielbeachtete Foto-Ausstellung des Bayerischen Brauerbunds mit überlebensgroßen, hinterleuchteten  Porträts in der Traunsteiner Klosterkirche an das große Jubiläum und die Biertraditionen in Bayern (täglich von 14 bis 18 Uhr).

Geschichtsträchtiges Hofbräuhaus Traunstein

Den Wittelsbachern fühlt sich das Hofbräuhaus Traunstein besonders verbunden. War es doch Bayern-Herzog Maximilian I., der den vom Vater ererbten drohenden Staatsbankrott mit dem findigen Erlass des Weißbiermonopols 1603 konterte. Durch den folgenden Aufbau eines Brauereinetzes von staatlichen Hofbrauhäusern sicherte er sich und seinen Nachfolgern in der Folge bis zur Abschaffung des Monopols 1798 sprudelnde Einnahmen. Als letzter Neubau folgte 1612 das Hofbräuhaus in Traunstein. Es besteht mit den Hofbräuhausern in München und Kelheim bis heute. Seit immerhin 1898 lenkt die Familie Sailer erfolgreich die Geschicke der Traunsteiner Brauerei. Als eines der wenigen Brauhäuser Bayerns pflegt das Hofbräuhaus Traunstein bis heute die Tradition der Bierauslieferung im Holzfass und per Pferdefuhrwerk.

Bierstadt mit Pfiff & reicher Tradition

Historisches Postkartenmotiv des Höllbrauerei-Bierkeller

Die Brauereienvielfalt der Bierstadt

In seinen besten Zeiten verfügte die Bierstadt Traunstein sogar über neun Brauereien. Die älteste war der 1519 gegründete Bierbräu am Vorberg (später Weißbräu Lackenbauer) nahe des Vereinshauses in der Unteren Stadt. Sie wurde drei Jahre nach dem Erlass des Reinheitsgebotes eröffnet. 1572 folgte der Höllbräu auf dem Areal an der Hangkante der heutigen, zwischen 2004 und 2006 errichteten Stadtplatz-Passagen. „Höll“ oder „Hell“ bezog sich dabei weniger darauf, dass die Brauer mit dem Leibhaftigen im Bunde standen, sondern auf die „wilde, abgründige Gegend“, wie Stadtarchivar Franz Haslebeck in einem Artikel über „Traunsteiner Brauereigeschichte(n)“ schreibt. Auf dem Stadtplatz kamen 1575 der Obere Bräu (seit 1889 Schnitzlbaumer, 2014 von Familie Frauendörfer übernommen), 1598 der Mittlere Bräu (seit 1919 Hofbräuhaus Traunstein) und 1606 der Untere Bräu (seit 1892 Wochinger) dazu.

1610 war zudem das Gründungsjahr des ehemaligen Langeckerbräu auf dem Stadtplatz (früheres Hypobank-Gebäude). 1612 schlug dann die Geburtsstunde des Hofbräuhauses Traunstein. Im Zuge des Aufstiegs von Traunstein als Kurstadt folgten im 19. Jahrhundert nochmals zwei Neugründungen: 1882 eröffnete im heutigen Anwesen Rührgartner in der Maxstraße der Maximiliansbräu (in der Nachfolge: Kiesel in der Haslacher Straße). 1883 folgte als Traunsteins kleinste Brauerei die „zum Aubräu”. Sogar der Schriftsteller Ludwig Thoma erinnerte sich seinerzeit: „Ein Wirtshaus stand damals neben dem anderen, Brauerei neben Brauerei, und wenn man von der Weinleite herab sah, wie es aus mächtigen Schloten qualmte, wusste man, dass bloß Bier gesotten wurde.”

Bierstadt mit Pfiff & reicher Tradition

Biermuseum Hofbräuhaus Traunstein

Biergenuss heute

Die Zeiten, in denen die Bierproduktion in Traunstein die Sicht vernebelte und mannigfaltige Dämpfe und Gerüche das Stadtleben „bereicherten“, sind Gottseidank vorbei. Gäste wie Bierliebhaber genießen es heute, sich auf den zahlreichen Wirtschaften rund um den Stadtplatz oder in den anregenden Freiluft-Gastronomien eine der sorgfältig gebrauten Gerstenspezialitäten einzuschenken – garantiert ohne Todesgefahr! Wer das Prinzip Genuss noch ein wenig mehr auf die Spitze treiben will, dem sei ergänzend die neue Brauereikarte er „Privaten Heimatbrauer“ des Chiemgau Tourismus empfohlen. In einmütiger Kooperation präsentieren sich in dem reichbebilderten Kartendruckwerk elf privat geführte Familienbrauereien rund um Chiemsee und Königsee. Neben Tipps zu Brauseminaren, Führungen und Erlebniswerten laden fünf Radltouren mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten zu Entdeckungsreisen über das Thema Bier ein.

 

Science-Fiction in Traunstein seit 1912
Tipp

Traunstein-Besucher und High-Tech-Fans sollten einen Besuch der Sternwarte Traunstein nicht verpassen. In der Kuppel des St. Rupert Haus befindet sich ein Linsenfernrohr, das über drei Silikatlinsen verfügt.


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