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Der Segelmacher vom Chiemsee

Der Segelmacher Christoph Langer an der Nähmaschine am Chiemsee im Chiemgau
Axel Effner

Wer an hochsommerlichen Tagen von dem majestätisch aufragenden Hochfelln auf den Chiemsee blickt, der sieht ihn von Hunderten weißen Tupfen überzogen. So als hätte Frau Holle im Sommer ein riesiges Kissen mit Federn über dem Bayerischen Meer ausgeschüttelt, die rings um die drei grünen Inseln im Wasser treiben. Es ist Hochsaison für die Segler, die den heißen Temperaturen mit ihren Booten entspannt entfliehen, hin auf die kühle Frische des grün schimmernden Sees.

Die Segelmacherei "Tuchfühlung" von Christoph Langer in Seebruck im Chiemgau

Die Segelmacherei „Tuchfühlung“ von Christoph Langer in Seebruck ©Axel Effner

In diesen Momenten sommerlicher Hitze kann sich auch Christoph Langer einen kurzen Moment zum Durchschnaufen gönnen. Mit 26 Jahren dürfte er zu den jüngsten Segelmachern in Bayern gehören. Sein Beruf ist es, mit den Segelbooten und ihren Besitzern auf dem Chiemsee sozusagen auf „Tuchfühlung“ zu gehen. Was lag da näher, als diese Metapher auch gleich in den Namen der kleinen Segelmacherei aufzunehmen, die er zusammen mit zwei Mitarbeitern in Seebruck betreibt.

Seltene bayerische Handwerkskunst

„Anders als beim Uhrmacher können sich viele Leute unter einem Segelmacher erstmal nichts Konkretes vorstellen“, gesteht der Bad Endorfer, als ich ihn in der Werkstatt besuche. Wen wundert’s: mit Begriffen wie Klampe, Sprayhood, Persenning oder Lazy Jack klingt das Segler-Latein für Nicht-Insider wie Chinesisch. Da ist mit Kuchenbude nicht etwa eine Konditorei, sondern die geschlossene Schutzabdeckung des Cockpits gemeint. Und wer von Bimini spricht, meint damit nicht eine Inselgruppe auf den Bahamas, sondern ein Verdeck von Yachten.

Segelboote im Hafen Seebruck im Chiemgau mit Persenning (Abdeckung)

Segelboote im Hafen Seebruck mit Persenning (Abdeckung) ©Axel Effner

Langers beruflicher Weg war bereits familiär vorgezeichnet: Sein Großvater betreibt in Breitbrunn am Chiemsee eine traditionsreiche Segelmacherei. 2005 hat der Chiemgauer die Ausbildung im Betrieb des Großvaters gemacht – und war erstaunt: „Zur Berufsschule musste ich nach Lübeck. Die Ausbildungsklasse hatte mit 35 Lehrlingen so viele Neuanfänger wie nie zuvor. Nur vier waren Frauen.“

Was hat ihn gerade an der Segelmacherei gereizt, frage ich Christoph. „Ich bin einfach gern draußen und auch auf dem Wasser. Unter den Seglern sind sehr interessante und individuelle Charaktere als Kunden. Manche sind sehr begütert, andere sparen sich ihr Hobby vom Munde ab. Man merkt schon am ersten Eindruck auf dem Schiff, was los ist. Das ist wie eine Visitenkarte des Kunden.“

Maßnehmen und Zuschneiden

Und das Handwerk? „Da müssen sich mehrere Fähigkeiten ergänzen“, fügt Langer hinzu. „Zum einen ist Geschmack, Stilempfinden und gute Kenntnis des Stoffmaterials beim individuellen Entwurf etwa einer Persenning gefragt.“ So heißt die umlaufende wasserdichte Schutzabdeckung, die das Bootsdeck vor Regen und Schmutz schützt. Zum anderen braucht er ein gutes räumliches Vorstellungsvermögen, ergänzt der Segelmacher, „wenn ich mir am Boot im Hafen den bestmöglichen Zuschnitt für die Schablonenteile überlege, aus denen später in der Werkstatt die Persenning zusammengenäht wird. Handwerkliches Geschick und gute Kalkulation sind ebenso erforderlich.“

Halterung verschiedener Seile der Segelmacherei ©Axel Effner

Halterung verschiedener Seile ©Axel Effner

Das wird deutlich als ich den 26-Jährigen in seiner knapp 130 Quadratmeter großen Werkstatt erlebe. An der Wand steht eine Halterung mit unterschiedlich dicken Seilen auf Trommeln. Gegenüber stapeln sich in Regalfächern zusammengefaltete Planen sowie dicke und dünne Stoffbahnen aus verschiedenen Kunststofffasern. Dazwischen: Werkzeugschränke und –bänke, große Zuschneidetische und Nähmaschinen, deren Alter und Anzahl Assoziationen an ein Museum wachrufen.

Auf dem Holzparkett sind riesige Schnittmuster aus Baufolie ausgebreitet, auf denen mit Stift aufgezeichnete Strichmuster die Schnittkanten, Einfassungen und Nahtstellen andeuten. Auf dem Boden sitzend klebt Christoph Langer Teile zusammen, schneidet Bögen heraus und probiert, ob die Teile gut zusammenpassen. Ähnlich wie ein Schneider für ein Kleid einzelne Schnittschablonen fertigt und danach die Stoffteile zusammennäht, entsteht auch eine Persenning oder eine Sprayhood (Halbverdeck fürs Cockpit) aus genau ausgemessenen Einzelteilen.

Die Schablonen dafür hat Langer vorher auf dem entsprechenden Boot im Hafen ausgemessen, markiert und passend zugeschnitten. Um auf dem Wasser um das Segelboot herum arbeiten zu können, sitzt er in einem kleinen Schlauchboot. Für ein nordisches Folkeboot von etwa 7,40 Meter Länge fertigt der Segelmacher etwa sechs bis sieben Zuschnitte aus Plastikfolie an, die in der Werkstatt zu drei größeren Abdeckteilen aus Stoff vernäht werden. Damit ist er gut drei bis vier Tage beschäftigt.

Nach dem Maßnehmen und dem passenden Zuschnitt werden die wetterfesten Stoffe dann auf großen Nähmaschinen zusammengefügt, die zum Teil sogar noch aus den 50er-Jahren stammen. „Die sind einfach unverwüstlich“, erklärt der 26-Jährige. Rund zehn bis 15 Jahre hält so eine Bootsabdeckung in der Regel. Bei einer Segelschule kann der Haltbarkeits-Zeitraum auch mal auf fünf bis sechs Jahre zusammenschrumpfen.

Fertige Planen

Fertige Planen ©Axel Effner

Vom Chiemsee in die ganze Welt

Rund 3.567 Segelboote sind auf dem Chiemsee aktuell gemeldet, da dürften die Kunden nicht so schnell ausgehen, oder? „In der Hochphase schaffe ich vier bis fünf Persenninge im Monat“, sagt Langer. Dabei sind die Bootsabdeckungen sowie die Reparatur von Segeln nicht das einzige, was er beherrscht: Zum Leistungsspektrum gehören ebenso die Polsterung von Hausmöbeln, Überzüge für Gartenmöbel, Sichtschutz und Sonnensegel für Häuser oder Sonderanfertigungen zur Abdeckung von Hubschraubern, Oldtimern und Rennautos. „Geht nicht, gibt’s nicht“ ist dabei das Motto des Chiemgauers.

Obwohl Langers Kunden zu 95 Prozent vom Chiemsee stammen, kam der bisher größte Auftrag aus Saudi-Arabien. Auf Vermittlung eines deutschen Architekten sollte er dort für den Windpark auf einem alten Flughafen rund 80 Windsäcke liefern. „Das war zwar ein sehr anspruchsvolles Großformat, aber ich habe mich absolut gefreut, dass ich mich als Kleinbetrieb gegen die Konkurrenz durchsetzen konnte.“

Maßnehmen am Boot
Tipp

Segeln am Chiemsee ist eine von vielen Möglichkeiten für aktive Wassersportler. Kiten, Windsurfen, Kayak und Kanu fahren oder der neue Trendsport „SUPen“, sprich Stand Up Paddling, neudeutsch für Stehpaddeln, werden ebenfalls rund um den See angeboten. Hier finden Sie eine Übersicht für alle Wassersportmöglichkeiten im Chiemgau.


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