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Wie Walter Angerer die Kunstlandschaft im Chiemgau prägt

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Judith Schmidhuber

Walter Angerer der Jüngere prägt die Kunstlandschaft im Chiemgau wie kein anderer – und traut sich auch an ungewöhnliche Interpretationen heran. Was Borkenkäfer damit zu tun haben und wieso er die Kunst auf den Berg holt.

Frasspuren von Borkenkäfern haben Angerer zu seiner Technik inspiriert

Frasspuren von Borkenkäfern haben Angerer zu seiner Technik inspiriert

Eine überdimensionale Hand auf dem Rauschberg Richtung Rom zeigen zu lassen? Kein Problem! Die Bergandacht vor der Kapelle auf dem Hochfelln auf eine riesige Leinwand bannen? Jederzeit! Walter Angerer der Jüngere sorgt sogar dafür, dass Besuchern in Maria Eck auch wirklich die Maria erscheint – kein Witz! Der Künstler ist keiner, der verkopfte Gespräche führt. Angerer lacht gern und hat einen Heidenspaß dabei, auch mal verrückte Ideen in die Tat umzusetzen. Die hat er am laufenden Band. Sein Name ist aus dem Chiemgau nicht mehr wegzudenken: Walter Angerer der Jüngere schuf eine Vielzahl an Skulpturen, allein zwischen Salzburg und dem Chiemsee sind mittlerweile dreißig seiner Werke an öffentlichen Plätzen zu sehen. Dazu hat er dutzende Gemälde gefertigt und prominente Köpfe porträtiert. Wie Papst Benedikt XVI., dessen Gemälde er dem Papst emeritus im Vatikan persönlich überreichen konnte. Von Borkenkäfern verursachte Fraßspuren im Holz haben ihn vor drei Jahrzehnten zu seiner Technik inspiriert, die sich mittlerweile wie ein roter Faden durch sein Schaffen zieht. Wer den Chiemgau besucht, wird kaum auskommen: Angerer hat Akzente gesetzt.

Kunstwerke im Chiemgau als Verbindung zur Ortsgeschichte

Am liebsten ist es dem Künstler, wenn er an die Historie eines Ortes anknüpfen kann. So gelungen mit dem „Keltenboot“ an der Uferpromenade in Seebruck. Es entstand in Anlehnung an die archäologisch nachgewiesene Frühgeschichte der Chiemseegemeinde. Dass man in Siegsdorf die Überreste eines Mammuts fand, inspirierte ihn zur „Mammutjagd“. Die vier Meter breite Skulptur ziert den Eingang des Naturkundemuseums Siegsdorf. König Ludwig II. begrüßt die Fahrgäste in Form einer Skulptur am Schiffsanleger in Prien am Chiemsee, bevor sie mit dem Dampfer auf die Herreninsel zu seinem Märchenschloss übersetzen. Und gänzlich entzückt ist der Künstler, wenn er noch dazu bedeutende Kunstschaffende mit ins Spiel bringen kann. So eine Erinnerung an die Vergangenheit stellt zum Beispiel Angerers Werk am Achendamm in Marquarstein dar. Richard Strauss wohnte mehrere Jahre in der Achentalgemeinde, hier komponierte er unter anderem die Oper „Salome“. Und so zeigt Angerers Skulptur Strauss, Salome und den Kopf von Johannes dem Täufer auf einem Tablett. „In der Oper verliebt sich Salome in Johannes, doch er verschmäht sie“, erklärt Angerer und muss grinsen. „Salome rächt sich, indem sie ihn köpfen lässt. Den Kopf wollte ich unbedingt mit rein bringen.

Die Hand auf dem Rauschberg zeigt Richtung Rom

Für reichlich Gesprächsstoff sorgt auch das höchste Kunstwerk des Chiemgaus: Auf dem Gipfel des Rauschbergs zeigt „Adams Hand“ nach Italien. „Ich habe sie Michelangelos Werk in der Sixtinischen Kapelle nachempfunden“, erklärt Angerer. „Und damit man weiß, wo sich die befindet, zeigt der Finger genau in diese Richtung.“ Kunst und Berge, für Angerer eine naheliegende Kombination: „Für mich sind Berge wie eine Art Felsenzeichnung. Sie erzählen Geschichten. Das passt einfach zusammen.“ Mit siebeneinhalb Metern Höhe stellt Adams Hand die größte Skulptur auf dem Rauschberg dar. An der Bergstation ist der „Himmelskletterer“ zu sehen. Angerer fertigte es nach dem Vorbild des Traunsteiner Extremkletterers Alexander Huber. Dem „Huber Buam“ begegne er öfters in Traunstein, erzählt Angerer. „Das durchsichtige Kunstwerk ist jeden Tag anders zu erleben, je nachdem wie das Wetter ist.“ Huber selbst findet „seine“ Skulptur auf dem Rauschberg übrigens „einfach genial“.

Die erste wirkliche Marienerscheinung

Eins der ungewöhnlichsten Kunstwerke hat Angerer in Maria Eck bei Siegsdorf aufgestellt. Das Bildnis der Maria ist keine gewöhnliche Skulptur: „Wenn man 40 Sekunden konzentriert auf die Statue schaut und dann den Blick auf eine weiße Fläche richtet, erscheint einen Augenblick später für zehn Sekunden das wirkliche Bild der Maria“, erklärt er sein Werk. Eine trickreiche Idee, die schon mit Bildern umgesetzt wurde, allerdings noch nie mit einer Statue und schon gar nicht mit einer Heiligen. Damit gelingt dem Künstler die erste wirkliche Marienerscheinung.

„Ich rede furchbar gern“

Walter Angerer am Klavier

Walter Angerer am Klavier

Über sein Schaffen ist der 76-Jährige sichtlich stolz. Sein Erfolg hat ihn aber nicht abheben lassen. Angerer ist bodenständig. Einer, der gerne ratscht und seine Neugierde kaum verbergen kann. Es gibt übrigens auch einen Älteren, Angerers Bruder, ebenfalls ein erfolgreicher Künstler. „Ich rede furchtbar gern“, gibt er grinsend zu. Mit seinem Tempo muss man allerdings mithalten können. Da kann es schon mal vorkommen, dass er mitten im Gespräch aufspringt, eine Skizze kritzelt, auf seinem Flügel eine seiner Eigenkompositionen klimpert oder eine Melodie summt, die ihm gerade eingefallen ist. Meist kommt man aber nicht aus, ohne dass er einem die Litanei an Vorhaben aufzählt, die er demnächst gedenkt umzusetzen: Skulpturen, Porträts, Landschaftsbilder, Buchprojekte. „Mir fällt so viel ein, ich hab‘ so viel zu tun.“

Reinhold Messner ist Fan und Auftraggeber

Bergsteigerlegende Reinhold Messner ist Fan des Chiemgauer Künstlers

Bergsteigerlegende Reinhold Messner ist Fan des Chiemgauer Künstlers

Bei so einem Tatendrang braucht es keinen zu wundern, dass er gut beschäftigt ist. Prominente Aufträge und eine ganze Reihe an Kunstpreisen haben Angerer längst über den Chiemgau hinaus bekannt gemacht. Auch wegen seiner Freundschaft zu Reinhold Messner, für dessen Museen in Südtirol er schon mehr als zehn Skulpturen entworfen und zwanzig Bilder von berühmten Bergsteigern gemalt hat. „So etwas will ich auch“, soll die Bergsteigerlegende einst beim Anblick von „Adams Hand“ auf dem Rauschberg gesagt haben – und war fortan Angerers Fan. Dass seine Werke in jüngerer Vergangenheit im renommierten Buchheim Museum am Starnberger See aufgenommen wurden, sieht der Siegsdorfer selbst als seine größte Errungenschaft. Aber sicher nicht als seine letzte.

 

Tipp

Die Rauschbergbahn bringt Gäste bequem auf den Gipfel des Ruhpoldinger Hausbergs. Die Kunstwerke von Walter Angerer dem Jüngeren sind dort das ganze Jahr über zu besichtigen.


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