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Eisstockschießen: Ruhm und Ehre auf 50 Metern Eis

Datum: 28. Januar 2018 . Autor: Judith Schmidhuber . Kategorie: Tacherting . Winter
Eisstockschießen in der Gemeinde Tacherting im Chiemgau
Judith Schmidhuber

Im Winter gibt’s im Chiemgau eine Sportart, die jeder ausüben kann – dafür braucht’s keine Berge und nicht mal einen See. Wer Eisstockschießen will, der findet einen Weg.

Den Stockschützen in Peterskirchen (Gemeinde Tacherting) reicht dazu eine Wiese, fließend Wasser und Minustemperaturen. Ein paar Abende lang hat der Wirt vom örtlichen Musicpub, André von Hahn, mit dem Gartenschlauch hantiert und damit gemeinsam mit anderen Eisstockfans eine 50-Meter-Bahn gezaubert. „Die letzten Jahre haben wir eine Siloplane drunter gelegt, aber die haben wir danach immer wegwerfen müssen“, erzählt er. Heuer hat er die Fläche im Sommer mit dem Bagger begradigen und eine leichte Rinne formen lassen. „Ein bissl Wasser drauf, das hat völlig gereicht.“

Künstliche Eisbahn wird zum Treffpunkt

Die beiden Mannschaften schießen abwechselnd. Am Ende zählt, welcher Eisstock sich am nächsten an der Daube befindet.

Die beiden Mannschaften schießen abwechselnd. Am Ende zählt, welcher Eisstock sich am nächsten an der Daube befindet.

Jetzt hat er jeden Abend Halligalli hinter seinem Wirtshaus. Jeder, der einen Eisstock mitbringt, kann mitspielen. Training schadet nie, wobei zum Schießen schon auch eine Portion Glück gehört. Aber in der Hauptsache geht es um die Gaudi und ums Gesellige, dazu trifft sich das ganze Dorf. Jetzt haben auch die örtlichen Bauern gut Zeit, da im Winter auf ihren Höfen weniger Arbeit anfällt. An den Wochenenden kommen die Stockschützen aus der Umgebung. Die Engelsberger und Waldhauser waren schon da. Aber heute wird es besonders spannend beim Lokalderby: Peterskirchen empfängt Emertsham. Obwohl beide Orte zur Gemeinde Tacherting gehören, haben die Emertshamer vermeintlich einen Vorteil: In ihrer Mannschaft schießt der Bürgermeister höchstpersönlich. Hans Hellmeier ist von seinen Stockschützenkünsten zwar nicht gänzlich überzeugt, beteuert aber, sein Bestes geben zu wollen.

Der Daube am nächsten kommen

Ein ähnliches Problem wie bei den Maßkrügen: Auch Eisstöcke sind kaum voneinander zu unterscheiden.

Ein ähnliches Problem wie bei den Maßkrügen: Auch Eisstöcke sind kaum voneinander zu unterscheiden.

Sepp ist der mit der FC-Bayern-Mütze. Er verteilt rote Bänder an alle Emertshamer, damit man deren Eisstöcke von den Gegnern unterscheiden kann. 46 Stockschützen aufgeteilt auf zwei Mannschaften: Recht viele Schübe bleiben dem Einzelnen da nicht, sein Können zu beweisen. Jeder kann nur versuchen, seinen Eisstock so nah wie möglich an die Daube am anderen Ende der Bahn zu befördern. Beziehungsweise „feindliche“ Eisstöcke durch geschicktes Zielen ins winterliche Nirwana zu verfrachten. Gelungene Treffer quittiert die überwiegend männliche Runde mit Jubeln und Derblecken. Die Gespräche beschränken sich auf Fachgesimpel, auf welche Art und Weise man am besten gewinnt.

„Feindliche“ Eisstöcke ins Nirwana schießen

An Wochenenden gilt jetzt warm anziehen und den Eisstock zur Bahn mitbringen.

An Wochenenden gilt jetzt warm anziehen und den Eisstock zur Bahn mitbringen.

Zielsicherheit beweist der Wirt André, was keinen zu wundern braucht, er übt ja jeden Abend. Vertreter von der örtlichen Feuerwehr, dem Schützenverein und der Fußballmannschaft legen gut nach. Charlie mit der russischen Fellmütze schiebt sogar gekonnt und zieht gleichzeitig an seiner Zigarette im Mund. Die Emertshamer haben insgesamt weniger Glück. Sylvia, die örtliche Kindergärtnerin, trifft als einzig weiblicher Joker zwar haargenau auf einen Peterskirchner Eisstock, befördert einen anderen gleichzeitig aber näher an den roten Holzwürfel. Bepp, der Lagerist, schafft es, seinen Eisstock durch ungefähr zwanzig andere zu manövrieren, ohne einen einzigen zu berühren. Das ist zwar nicht zielführend, „aber das muss man auch erst mal schaffen“ amüsiert er die Runde. Und auch der Bürgermeister in feuerroter Jacke und Bommelmütze kann das Ruder nicht herumreißen: Am Ende ist der Daube ein Peterskirchener Eisstock am nächsten.

Der Moar plärrt über die Eisbahn

Der Moar gibt den Stockschützen die Richtung an, in die sie ihren Eisstock befördern sollen.

Der Moar gibt den Stockschützen die Richtung an, in die sie ihren Eisstock befördern sollen.

Damit die Stockschützen wissen, wohin sie zielen sollen, gibt im Ziel ein Moar mit einem Holzstock die Richtung vor. Für die Peterskirchener legt sich Billy ins Zeug. Mit hochrotem Kopf schreit er über die 50 Meter hinweg. Mit kaum zu verstehenden Kommandos und ernstem Gesicht versucht er Tipps zu geben, mit wieviel Kraft sie ihren Eisstock anschieben sollen. Das Jubeln überlässt er den Zuschauern, die das Treiben vergnügt beobachten.

Die Gastgeber siegen beim Eisstockschießen

Beim 2:0 nickt der Moar anerkennend und ruft gleich Runde drei aus. Und wieder schieben die Mannschaften abwechselnd einen Eisstock nach dem anderen über die Bahn. Und wieder gewinnen die Peterskirchener. „Probiert haben wir’s“, meint der Bürgermeister am Schluss beim 3:0 grinsend. Ruhm und Ehre ist ihm dennoch sicher: Als Gemeindeoberhaupt kann er sich für die Peterskirchener ja genauso freuen. Zumindest bis zur Rückrunde am nächsten Wochenende.

Übrigens: Warm anziehen ist beim Eisstockschießen Pflicht. Für die innere Wärme gibt’s Glühwein.

 

Nahaufnahme eines Eisstocks
Tipp

Der Eisstocksport wird seit mehreren Jahrhunderten im Alpenraum betrieben. Seit jeher versammeln sich dazu Dorfgemeinschaften auf zugefrorenen Seen, Bächen oder künstlich angelegten Eisbahnen. Im Gegensatz zu Titelkämpfen auf nationaler oder internationaler Ebene geht es rein um die Gaudi – oder wer am Ende die nächste Runde Schnaps zahlt.

Sie wollen selbst einen Eisstock über das Eis schießen? In der Max Aicher Arena in Inzell können Sie das Eisstockschießen selbst ausprobieren.


Datum: 28. Januar 2018 . Autor: Judith Schmidhuber . Kategorie: Tacherting . Winter
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