Schaffner Mathias vor der LEO (Lokalbahn Bad Endorf Obing) am Bahnhof Bad Endorf.

© Chiemgau Tourismus e.V.

Schaffner Mathias und sein Sohn Felix beim Ticketverkauf im Zug der LEO.

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LEO & die Skulpturen
Zuerst mit der Nostalgiebahn fahren, dann Kunst am See

Die Lokalbahn Bad Endorf – Obing, kurz LEO, ist mittlerweile eine sehr alte Dame. Ihren Sage und Schreibe 110. Geburtstag feierte sie am 15. Oktober 2018 und zuckelt nach wie vor munter vor sich hin. Warum es sich mehr als ausgezahlt hat, den Traditionszug mit der Streckennummer 5705 zu retten, durften wir an einem goldenen Altweibersommertag hautnah als Fahrgäste erleben. Nachdem uns LEO nach Obing chauffiert hatte, kamen wir auch noch in den Genuss der Skulpturenwanderung am See: Kunst & Sonnenspaziergang – verträgt sich prächtig!


Zug-Mannschaft aus Leidenschaft

Schon von weitem winkt uns die orange Fahne eines freundlich lächelnden Herren am Bahnsteig entgegen. Er trägt Warnweste und Schaffnerkappe. Daneben ein Mann mit hellblauem Hemd, grau-weißem Bart und der Lizenz zum Lokfahren. Wer an einem Sonntag eine kleine Reise in den Chiemgau antritt, um mit der Lokalbahn Bad Endorf-Obing einen Ausflug zu unternehmen, der genießt ein romantisches 19. Jahrhundert-Flair. Der Enthusiasmus des Zugpersonals ist ansteckend: Mit Hingabe steuert Zugführer Franz Schauberger den dieselbetriebenen Zugwagon vom Startbahnhof Bad Endorf bis nach Obing am See, betätigt verlässlich vor jedem Bahnübergang die Warnpfeife und bedankt sich mit Handzeichen bei den Autofahrern, die brav stehenbleiben.

Hilfe beim unbeschrakten Bahnübergang auf der Strecke der LEO Lokalbahn im Chiemgau.

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Händisch zu sichernde Bahnübergänge


Nicht weniger leidenschaftlich handhabt Schaffner Mathias seine Aufgaben: Fünf Bahnübergänge sind händisch zu sichern, eine einzige technische Blinklichtanlage gibt es auf der 18,3 Kilometer langen Strecke. Das heißt, er steigt jedes Mal aus, zückt seine Fahne und stellt sich in bester Polizistenmanier parallel zu den Gleisen, um für unsere reibungslose Durchfahrt zu sorgen. Unterstützung bekommt er von seinem kleinen Sohn, „Nachwuchs-Zugbegleiter“ Felix, der außerdem hilft, Fahrkarten und Limonaden zu verkaufen.

Nostalgiefahrt für Liebhaber des Müßiggangs


Etwa zwanzig Fahrgäste genießen heute die Chiemgau-Expedition. Zu 80 km/h ist der Zug mit dem Spitznamen LEO fähig, auf dieser Strecke fährt er maximal 50. Man hat also Zeit, die Umgebung auf sich wirken zu lassen. Sonnenstrahlen blinzeln durch die Blätterdächer, die links und rechts der Schienen an uns vorbei rauschen. Im Rücken die Berggipfel des Chiemseer Hausberges Kamperwand und der Hochries. „Ich kann mich an dieser Landschaft gar nicht satt sehen“, sagt Maria Becker, Pressesprecherin des Vereins der Chiemgauer Lokalbahn.

Abzwicken der Fahrkarte in der LEO Lokalbahn.

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Getränkeverkauf in der LEO Lokalbahn im Chiemgau.

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Die LEO Lokalbahn steht im Bahnhof Halfing im Chiemgau zur Abfahrt bereit.

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Zugführer Franz Schauberger in der LEO Lokalbahn im Chiemgau.

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Schaltpult in der Lok in der LEO Lokalbahn.

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Gleise durch den Wald, bei der Fahrt mit der LEO im Chiemgau.

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Die LEO fährt auf das höchste Stampfbeton-Viadukt Bayerns im Chiemgau zu.

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Zugführer Franz Schauberger im dieselbetriebenen Zugwagon der LEO im Chiemgau

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Schild "Bad Endorf über Halfing - Amerang Obing und zurück" auf dem Wagen der LEO Lokalbahn.

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GUT ZU WISSEN-BOX: Warum es LEO gibt


Der Nord-Westen des Chiemgaus sollte Ende des 19. Jahrhunderts besser angebunden werden – vor allem wegen dem Torfabbau und der Holzwirtschaft. Also wurde die Eisenbahn gebaut. Am 15. Oktober 1908 zuckelte der erste Zug fröhlich von Obing über Halfing, Amerang und Pittenhart bis nach Endorf.

Im Mai 1968 wurde die Personenbeförderung allerdings eingestellt, da die Leute immer mehr aufs Auto setzten und der Torfabbau mittlerweile verboten war. 1996 folgte das Ende des noch übrigen Güterverkehrs, 2004 dann die Rettung: Der Verein „Chiemgauer Lokalbahn“ gründete sich und machte den Zug mit der Streckennummer 5705 in hingebungsvollen Ehrenamtsstunden wieder einsatzbereit. Und er fährt bis heute!

Das höchste Stampfbeton-Viadukt Bayerns im Chiemgau, während einer Fahrt mit der LEO Lokalbahn.

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Highlight Viadukt-Überfahrt


Im wahrsten Sinne ein „Highlight“ ist das 22 Meter hohe historische Viadukt, über das wir rattern. Es ist das höchste Stampfbeton-Viadukt Bayerns. „Da gibt es nur noch ganz wenige dieser Art“, erklärt Zugbegleiter Mathias den neugierig in die Tiefe schielenden Fahrgästen.

Poltern, heiraten oder mit dem Nikolaus fahren: LEO kann alles!


Amüsant seien stets die Charterfahrten, erzählt Zugführer Franz, während er routiniert Gas gibt, bremst und die Warnpfeife drückt. „Vom Junggesellenabschied bis zur 60er-Feier haben wir alles dabei. Die Leute machen sich einen riesigen Spaß da hinten.“ Auch die Schienen der Deutschen Bahn könne man theoretisch befahren, ergänzt Pressesprecherin Maria. Wenn etwa jemand nach Rosenheim möchte, fahre man auch dort hin. Außerdem werden drei jährliche Sonderfahrten angeboten, die sich großer Beliebtheit erfreuen: Nikolaus-Express, Friedenslicht-Fahrt und Osterhasi-Express.

Die LEO Lokalbahn im kleinen Bahnhof in Amerang.

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LEO: Ein Verein für alle Fälle


Der Lokalbahn-Verein besteht aus rund 150 Mitgliedern. Etwa 15 davon sind aktiv tätig im Aufrechterhalten des Betriebs: Sie warten regelmäßig die Strecke, schneiden Sträucher und Bäume entlang der Schiene, halten den Zug in Schuss, kümmern sich um die Finanzierung der TÜV-Services. Spenden sind dabei eine große Hilfe. Fünf Lokführer wechseln sich das ganze Jahr hindurch ab, Zugbegleiter wie Mathias kümmern sich um die Passagiere. Manche sind tatsächlich „Eisenbahner“, andere Quereinsteiger, die in der Rente den Zugführerschein gemacht haben. „Wir sind dringend auf der Suche nach jungen Leuten, die motiviert sind, im Verein mitzuwirken“, sagt Maria, „Man kann über die RSE sogar die Ausbildung zum Lokführer für Kleinfahrzeuge machen.“

Auf den Zug folgt die Kunst


Ein letztes Mal bremst Franz den LEO herunter, damit Mathias hinaus hüpfen und den Bahnübergang bei Pittenhart sichern kann. Wohlgemerkt befinden sich auf der gesamten Strecke 52 Stellen, wo sich Schiene und Straße kreuzen. Schilder mit einer Zahl darauf verraten Franz, wie schnell er dort unterwegs sein darf. Doch Franz, das sieht man, kennt die Werte längst auswendig. Vermutlich könnte er den LEO mit geschlossenen Augen bis Obing steuern. Tut er natürlich nicht. Wachsamen Auges bleibt er nach etwa 45-minütiger Fahrt stehen und entlässt uns mit strahlendem Lächeln in Richtung Skulpturenwanderung.

Skulpturenwanderung am Obinger See im Chiemgau mit Inge Graichen.
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Skulpturenwanderung
in Obing am See


Unsere beschauliche Fahrt mit dem LEO ist zum Glück noch nicht das Ende unseres feinen Herbstausflugs. Die Lokomotive bringt uns direkt an jenen Ort, an dem unser nächstes Tages-Highlight startet: Die Skulpturenwanderung mit Inge Graichen.

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